21. Januar 2021
Junger Wirtschaftsrat | Online-Talk
Vorsichtig optimistisch
Ökonomischer Jahresausblick mit Donner & Reuschel
Volkswirte haben es derzeit wahrlich nicht leicht. Mitten in der Corona-Pandemie verlässliche Prognosen über die Wirtschaftsentwicklung zu treffen, ist ein äußert schwieriges bis unmögliches Unterfangen. Zu schnell kann sich der Wind drehen, wie das ökonomische Auf und Ab zwischen dem 1. und 4. Quartal 2020 zeigte. Dennoch wagten mit dem Vorstandssprecher Marcus Vitt und dem Chefvolkswirt Carsten Mumm zwei Experten von Donner & Reuschel auf Einladung des Jungen Wirtschaftsrates einen Ausblick. Beide gaben sich vorsichtig optimistisch.
Marcus Vitt, Sprecher des Vorstands der Donner & Reuschel AG (Foto: Donner & Reuschel)

So verwies Marcus Vitt einleitend darauf, dass sich die Aktienmärkte – gerade auch der deutsche Markt – nach der massiven Korrektur beim Ausbruch der Pandemie wieder erholt und sogar neue Höchststände erreicht hätten. Für Banken, Versicherungen und die Altersvorsorge sei die Zinspolitik der EZB zwar seit vielen Jahren anstrengend und vernichte viel Vermögen. Wenn Geld jedoch so billig sei und immens wachse, eröffne dies Investitionsmöglichkeiten und biete „für den Aktienmarkt, gerade auch in so einer Phase, sicherlich eine sehr interessante Entwicklung“.

 

Einen ganz wesentlichen Einflussfaktor auf die Wirtschaft erkannte Vitt in der „Veränderungsbereitschaft“. Dahingehend, „dass Themen wie Digitalisierung, die wir in Deutschland […] weitestgehend verschlafen haben, […] massiv befeuert werden“. Wer heute nicht in der Lage sei, mit moderner Technologie umzugehen, der habe in der Wirtschaft signifikant verloren. In der Medizinbranche erfahre die Digitalisierung gerade einen „ganz gewaltigen Schub“. Das Gleiche gelte im Produktionsbereich. Im Prinzip habe die Pandemie dazu geführt, dass viele Entwicklungen massiv beschleunigt wurden. Daher hält es Marcus Vitt – trotz vieler akuter Sorgen – für nicht unwahrscheinlich, dass sich die Wirtschaft „hinten raus deutlich besser aufstellen kann, weil die Pandemie ermöglicht, gewisse Anpassungen quasi von jetzt auf gleich“ vorzunehmen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine gute digitale Infrastruktur. Deutschland habe in dieser Hinsicht noch ein erhebliches Aufholpotenzial.

 

Die Industrie habe sich sehr schnell angepasst. Der Einbruch in Q1 und Q2 des vergangenen Jahres sei sehr stark gewesen, aber die Prognosen würden insgesamt darauf hindeuten, „dass wir dort eine vernünftige Konjunkturerholung bekommen“. Die Industrieproduktion werde sich deutlich erhöhen. Auch der Konsum und Tourismus würden „on the long run“ wieder nach oben gehen. Allerdings, so der Sprecher des Vorstands, stelle sich die Frage: „Wer wird es bis dahin schaffen?“

 

Neben der beschleunigten Digitalisierung erwartet Marcus Vitt im Zuge der Pandemie auch ein Umdenken bei den Büroflächen. Donner & Reuschel etwa werde 50 Prozent der Fläche abmieten. Man sei in der Lage, komplett digital zu arbeiten. Ähnliche Entwicklungen erwartet er bei vielen Unternehmen. Unter der Prämisse, dass diese Pandemie wohl nicht die letzte gewesen sein werde, brauche es neue Raumkonzepte und Sicherheitsregularien. Es brauche mehr Abstand und Raum für den einzelnen Beschäftigten.

Als Chefvolkswirt ist es Carsten Mumm nach eigener Aussage ohnehin gewohnt, dass Kapitalmärkte „ein gewisses Eigenleben“ führen und sich nicht unbedingt daran halten, was die Volkswirte realwirtschaftlich prognostizieren. Vor dem Hintergrund von Corona seien Voraussagen aber von einer extremen Unsicherheit begleitet. So erwies sich etwa das 3. Quartal 2020 als überraschend positiv. Es sei nicht zu erwarten gewesen, dass die Wirtschaft nach dem Abklingen der ersten akuten Corona-Phase im Sommer wieder so schnell auf die Beine komme und sich ein derart dynamisches Wachstum in fast allen Branchen einstelle. Dementsprechend seien die Prognosen angepasst worden, bevor es dann im 4. Quartal (in Europa und den USA) wieder in die andere Richtung ging.

 

Im Ergebnis bleibe für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von minus 5 Prozent in 2020. Dies sei zwar dramatisch, aber doch nicht so gravierend wie in der Finanzkrise 2009. Allerdings, so Mumm, gebe es erhebliche Unterschiede in den Branchen. Der Dienstleistungssektor und der soziale Konsum seien „sehr, sehr heftig getroffen“. Je länger der Shutdown andauere, desto mehr Fragezeichen tauchten dort auf: Welche Unternehmen können überleben? Wie sehen die langfristigen Auswirkungen aus?

 

Carsten Mumm erwartet, dass sich das 1. Quartal 2021 in Deutschland und der Euro-Zone auch wieder im Minus bewegen wird. Je nach Pandemieverlauf sei ab Frühjahr aber weltweit mit einem sehr dynamischen Aufschwung zu rechnen. Dahinter stehe die Basisannahme, dass die „überbordende Bedeutung“ von Corona auf Konjunktur und Kapitalmärkte mit dem Sommerhalbjahr zurückgehen werde – ähnlich der Entwicklung im vergangenen Sommer. Damit verbunden sei auch die Hoffnung, dass die Impfkampagnen bis zum Herbst weit fortgeschritten seien.

 

Die aktuelle Shutdown-Phase unterscheide sich sehr deutlich von der im letzten Frühjahr, sagte Mumm. Dies gelte vor allem in der Industrie. Heute laufe die Produktion weiter, Grenzen seien offen und die Lieferketten würden funktionieren. Darin sei ein ganz wichtiger Faktor für die Wirtschaftsleistung insgesamt zu sehen – insbesondere für Deutschland, das von seiner Industrieproduktion abhängig sei. Daher sei der wirtschaftliche Einbruch nicht ganz so heftig wie im Frühjahr.

Der Industrie komme auch zugute, dass es in China wirtschaftlich wieder sehr gut laufe. Die chinesische Volkswirtschaft liege inzwischen schon wieder deutlich über Vorkrisenniveau. „In China boomt es“, sagte der Chefvolkswirt von Donner & Reuschel. Dies sorge für eine große Dynamik, weil das Reich der Mitte für 20-25 Prozent der weltweiten Wertschöpfung stehe.  Davon profitiere die exportorientierte deutsche Industrie.

 

 

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Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
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