23. August 2021
"Eine Steigerung der Krankenkassenbeiträge wird kommen" - Gesundheitsymposium Hessen 2021
Initiiert durch das Netzwerk Gesundheit diskutierten Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik im Rahmen des Gesundheitsymposiums Hessen 2021 die zukunftsfähige Krankenhausversorgung Post Covid.
Die Pandemie hat deutlich gezeigt: Der demographische Wandel sowie strukturelle und finanzielle Überlastung der Sozialsysteme erfordern einen tiefgreifenden Wandel und die Schaffung neuer Rahmenbedingungen. Es muss gelingen, die Qualität der Versorgung für Patienten zu verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal zu mildern.

„Krankenkassen sind keine eierlegende Wollmilchsau. Sie können den gesellschaftlichen Anforderungen nicht gerecht werden“, schilderte Dr. Christian Höftberger, Vorstandsvorsitzender der RHÖN-KLINIKUM AG und Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft e.V. Höftberger, die aktuelle Situation um die Leistungserbringer. Die nächste Legislaturperiode sollte eine Öffnung der ambulanten und stationären Medizin einher bringen. Man müsse wegkommen vom Gegeneinander beider Aspekte. Der Spagat zwischen Spezialisierung und Notfallversorgung sei eine zu überwindende Herausforderung, da die Medizin als Handwerk auf Wiederholungen angewiesen ist. Es brauche daher politischen Mut, die interdisziplinäre Versorgung nicht an jedem Ort zu gewährleisten, dabei jedoch dennoch allen Bürgern einen Zugang zu Medizin garantieren. Auch die Digitalisierung des Gesundheitssystems sollte nicht vernachlässigt werden, wozu es einer zielgenauen und ergebnisorientierten Aufweichung des Datenschutzes bedarf.

 

Lars Grein, Vorstand BKK PwC, fand lobende Worte für das in Deutschland bestehende Gesundheitssystem und betonte dessen Leistungsfähigkeit. Wünschenswert seien aber einheitliche Vorgaben für die gesamte Bundesrepublik und damit eine Verlagerung der Länderkompetenzen auf den Bund. „Eine Steigerung der Krankenkassenbeiträge wird kommen“, kündigt Grein mit Blick auf das Minus der Gesetzlichen Krankenversicherungen von 2,6 Mrd. Euro im vergangenen Jahr an. Die durch Gesundheitsminister Spahn geförderte Digitalisierung im Gesundheitssystem sei lobenswert, jedoch sei es für Krankenkassen schwer, die damit verbundene Bürokratie und Datenschutz mit den Faktoren Patient und Finanzen zu vereinen. Eine Steigerung der Beiträge sei unvermeidbar, erklärte der Krankenkassenvertreter.

 

Erwin Rüddel MdB, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag und Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Patientenrechte, nannte fünf Aufgaben, die es zu lösen gilt: Finanz- und Strukturreform, Notfallversorgung, Digitalisierung und Datenschutz. Eine gehaltvolle und qualitätsorientierte Krankenhausplanung sei dabei das Ziel. Dies könne konkret durch eine Stärkung der Krankenhäuser in Ballungsräumen erreicht werden. Dennoch seien die Krankenhäuser in der Peripherie wichtig, da dieses oftmals große Arbeitgeber in ländlichen Regionen seien. Diese Krankenhäuser könnten zu Gesundheitszentren entwickelt werden und durch stabile Finanzierungsrahmen, die Koexistenz mit großen Krankenhäusern ermöglichen. „Es kann nicht sein, dass bei planbaren Eingriffen nur die gut Informierten eine optimale Versorgung erhalten“, ergänzte Rüddel im Hinblick auf die bestmögliche Versorgung der Patienten.

 

Für Kordula Schulz-Asche MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und

Berichterstatterin für Infektionsschutz und Sprecherin für Pflegepolitik für die Grüne

Bundestagsfraktion, zeigen demographische Entwicklung und Fachkräftemangel, dass das Gesundheitssystem sich ändern müsse sowie ein sektorübergreifendes Denken und Planen von zentraler Bedeutung seien. Insbesondere für ältere Menschen auf dem Land müssten Versorgungszentren in Verkehrsknotenpunkten und die Einrichtung von Busverbindungen dorthin anbieten. Es sollten heutige Kriterien für den Bedarf an Krankenhäusern in Betracht gezogen werden, wie die Nähe zu Autobahnen und anderen Unfallschwerpunkten. Schulz-Asche schloss sich ihren Vorrednern bezüglich einer Auflösung der Sektorversorgung an und forderte eine Neuaufstellung der Krankenhäuser. Pflegeberufe könnten durch die fortschreitende Vernetzung, fachlichen Austausch und die Planung von Krankenhausdienstleistungen aufgewertet werden. Wichtig seien hierbei menschenorientierte Konzepte.

 

„Der Fachkräftemangel ist ein Hamsterrad“, stellte Prof. Dr. Andrew Ullmann MdB, Stellv. Vorsitzender des Unterausschuss Globale Gesundheit und Obmann im Ausschuss für Gesundheit für die FDP-Bundestagsfraktion, mit Blick auf die steigenden Patientenzahlen bei gleichzeitigen Defiziten der Krankenhäuser fest. Ärzten, medizinischen Fachangestellten und vielen weiteren gesundheitlichen Berufen würde zu wenig Wertschätzung entgegengebracht und damit Burn-Outs begünstigen. Eine Flucht des Personals aus den Krankenhäusern sei in der Folge zu erwarten. Sowohl Patienten als auch Personal dürften also nicht vergessen werden. Prof. Ullmann schloss sich seiner Vorrednerin Schulz-Asche an und befürwortete Fahrdienste zu Arztterminen und Therapien. Das Gesundheitssystem solle dabei nicht teurer, sondern qualitativer werden.

 

Moderator Heinrich Mager, Netzwerksprecher Gesundheit, fasste die Erkenntnisse des Abends zusammen: „Die Politik muss ehrlich sein. Die Menschen müssen verstehen, dass Leistung nicht umsonst ist, denn Qualität schürt seinen Preis.“ Die Pandemie zeigte die erfolgreiche Zusammenarbeit aller Akteure, man dürfe jedoch nicht in Bürokratismus verfallen.