28. Mai 2019
Sektion Segeberg zu Gast im Best Western Hotel Schmökerhof
Zuwanderung für den Arbeitsmarkt
Klare Botschaften an die Politik sind das Ergebnis einer Podiumsrunde zum Zuwanderungs-gesetz, zu der die Sektion Segeberg eingeladen hatte. Die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland müsse dringend mit Blick auf die Zulassungsbedingungen erleichtert und in der Organisation deutlich verbessert werden. Gleichzeitig sei sicherzustellen, daß die Einwanderung in Sozialsysteme, d.h. von Menschen, die am Arbeitsmarkt nicht benötigt werden, unterbunden wird.
v.l. Gernot Gurkasch, Stephan Freitag, Christoph de Vries MdL, Moderator Christian Sowada, Markus Räth, Thomas Krakau und Sten-Arne Saß / Foto: Wirtschaftsrat SH

Moderator Christian Sowada verdeutlichte zu Beginn anhand von Zahlen die Herausforderung. Zwar seien seit der Flüchtlingswelle vor drei Jahren etwa 1,7 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, doch fast 70 Prozent würden heute von Hartz IV leben. Hinzu- kommen etwa eine Million Arbeitslose mit deutschem Paß, die aufgrund fehlender Qualifikation oder persönlicher Eignung nicht auf eine der heute 1,2 Millionen offenen Stellen vermittelt werden können.

Die Vertreter aus der Wirtschaft – Thomas Krakau (Leiter Konzernbereich Pflege Asklepios Kliniken), Stephan Freitag (Krankenhausdirektor der AMEOS Ratzeburg), Sten-Arne Saß (Gebäudereinigung Bockholdt AG Lübeck) und Markus Räth (Kreishandwerksmeister
Her zogtum Lauenburg) – zeigten, daß es bereits heute in vielen Wirtschaftsbereichen an ausreichend geschultem Personal fehle. Branchenabhängig und mit unterschiedlichen Vorgehensweisen werde am Zuzug von qualifiziertem Personal gearbeitet.

So aquirierte der Asklepios-Konzern Kranken- und Pflegepersonal auf den Philippinen, weil es in Deutschland einen enormen Verteilungskampf um qualifizierte Arbeitskräfte gebe und bis zu 20.000 Euro Kopfprämien bei erfolgreicher Vermittlung gezahlt werden, wie Thomas
Krakau berichtet. In Asien sei es durchaus möglich, gut motiviertes Personal zu finden, „bis wir es dann allerdings hier einsetzen können, vergehen im Schnitt 22,5 Monate durch Sprachschulungen, Qualifizierungen und vor allem bürokratische Erfordernisse.“ Krakau: „Wir brauchen dringend den Wegfall der Vorrangprüfung, deutschlandweit einheitliche Kriterien bei der Zulassung, zügige Abläufe bei der Bürokratie und verlässlichere Aufenthalts-genehmigungen.“

Ähnlich sah es Stephan Freitag, AMEOS-Chef in Ratzeburg. „Der Bereich der Pflege ist ein Brandherd. Wir finden qualifiziertes Personal, was zu uns nach Deutschland kommen will.“ Aus seiner Sicht sei es begrüßenswert, dass in der Politik ein neues Fachkräfteeinwan-derungsgesetz auf dem Weg ist, „aber das wird alles nichts bringen, wenn es nicht schnellere Verfahren gibt“. Seine Forderung: „Wir brauchen eine zentrale bundesweite Anlaufstelle.“

Dringenden Bedarf an ausländischen Mitarbeitern sieht auch das Handwerk. Aktuell würden bereits 250.000 Fachleute fehlen. Mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen meinte Kreishandwerksmeister Räth: „Wir machen verdammt viel, kommen aber an unsere Grenzen.“ Handwerksbetriebe und Leistung müsse im Vordergrund bleiben. Um den Fachkräfteengpass in den Griff zu bekommen, seien neue Zuwanderungsregelungen notwendig.

 

Für Sten-Arne Saß, Geschäftsführer der Bockholdt KG aus Lübeck, stellt sich die Situation in der Branche der Gebäudereiniger anders dar. „Uns hilft keine Akquise im Ausland. Wir müssen es schaffen, unseren Personalbedarf durch Qualifikation der Menschen, die hier bereits leben, selber abzudecken.“ Das sei eine zunehmend größere Herausforderung. Man habe bereits Aufträge wegen Personalmangel zurückgeben müssen, „aber es gelingt uns, mit eigenen Programmen und Unterstützung der Arbeitsagentur Personal aufzubauen.“ So gehe sein Unternehmen immer mehr dazu über, die Belegschaft auf sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse umzustellen. Aus seiner Sicht muß die Zusammenarbeit mit den Agenturen für Arbeit zur Qualifizierung von Personal ausgebaut werden.

Angesprochen auf die Möglichkeiten, erläutert Thomas Kenntemich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Elmshorn, „daß man die Probleme am Arbeitsmarkt nicht mit einem Schritt und nur durch Zu- bzw. Einwanderung löst.“ Nach einer langen Zeit der Massenarbeitslosigkeit hätten sich die Vorzeichen verändert. Es gebe nun Wettbewerb  heute schon möglich sei, „wir aber nicht die einzigen sind, die um diese Fachkräfte buhlen.“ Mit der geplanten neuen gesetzlichen Regelung würde es insgesamt einfacher werden, er sei aber skeptisch, ob damit der Fachkräftemangel zu beseitigen sei. Für ihn sei es eine wichtige Aufgabe, „bei den Flüchtlingen mehr Überzeugungsarbeit für eine gute Ausbildung zu leisten.“ In den Herkunftsländern würde man zumeist nur die Möglichkeiten Studium oder Arbeit kennen.

Und wie sieht die Politik das Thema Fachkräfteeinwanderung? Christoph de Vries, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Hamburg, stimmte den Forderungen aus der Wirtschaft zu. Das zur letzten Beratung vorliegende Fachkräfte-Einwanderungsgesetz komme zum richtigen Zeitpunkt. „Das Thema Migration hat unsere Gesellschaft nach der Flüchtlingswelle 2015 überfordert. Jetzt müssen wir eine Lösung finden, Menschen mit beruflicher Qualifikation die Zuwanderung zu erleichtern,um unseren Wohlstand zu erhalten.“ Aus seiner Sicht sei eine funktionierende Trennung zwischen Asyl und Zuwanderung in die Arbeitswelt entscheidend. „Wir brauchen Einwanderung in den Arbeitsmarkt und nicht in das Arbeitsamt. Für qualifiziertes Personal muß gelten: Schnelle Entscheidungen über Zulassung sowie Anerkennung von Qualifikationen“. Parallel zu den neuen Strukturen müßte sichergestellt werden, daß Missbrauch sofort Konsequenzen nach sich zieht. De Vries: „Identitätstäuscher, die sich unter falschen Voraussetzungen die Einreise ermöglichen, sind sofort auszuschließen.“ / Holger Hartwig