24. November 2016
"Wir müssen uns nicht verstecken"
Podium: (Aus)Bildung in Baden-Württemberg
Die praxisgerechte, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtete Ausbildung junger Menschen befindet sich in Baden-Württemberg auf sehr hohem Niveau. Gleichzeitig dürfen die humanistische Bildung der Persönlichkeit nicht gering geschätzt oder gar vernachlässigt und der jungen Generation nicht immer früher Höchstleistungen abverlangt werden. So lautet das Fazit einer Podiumsdiskussion in der Dualen Hochschule (DHBW) in Schwenningen, zu dem die Sektion Villingen-Schwenningen/Donaueschingen eingeladen hatte.
Podium Bildung in BW: Auslaufmodell oder Erfolgsgarant? (Foto: Stefan Preuß)

„(Aus)Bildung in Baden-Württemberg: Auslaufmodell oder Erfolgsgarant?“ hieß die Ausgangsfrage. Schnell wurde das Spannungsfeld deutlich: „Die Betriebe in der Region suchen händeringend nach Facharbeitern“ berichtete Sektionssprecher Wolfgang Beyer aus der eigenen betrieblichen Erfahrung als Personalleiter von ebm-papst in St. Georgen. Doch ist der Weg, den Bildungssektor stark überwiegend am Arbeitsmarkt auszurichten, zukunftssicher?

Martina Furtwängler, Geschäftsbereichsleiterin Ausbildung und Qualifikation der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg sagte, „nicht jeder Abiturient fühlt sich an der Universität wohl, wie die hohe Abbrecherquote zeigt. Da ist das Duale Studium eine sehr gute Alternative.“ Im Übrigen würde Deutschland auf der ganzen Welt um das duale System beneidet.

Prof. Jürgen Werner, Dekan der DHBW in Villingen-Schwenningen, und Prof Dr. Rolf Schofer, Rekor der Hochschule Furtwangen, merkten an, dass die Absolventen ihrer Einrichtungen ganz hervorragende Karrierechancen besitzen. „Unsere Studierenden erhalten zu 90% bereits vor dem 6. Semester attraktive Stellenangebote“, so Werner.

Michael Theurer, Mitglied des Europaparlaments und Vorsitzender der Landes-FDP, unterstrich aus dem europäischen Blickwinkel, dass das hiesige Bildungssystem zur Spitze zählt: „Wir müssen uns ganz bestimmt nicht verstecken, und es war keine gute Idee, deutsche Bildungsabschlüsse wie den Diplom-Ingenieur gegen angelsächsisch benannte Abschlüsse, die ironischerweise dort gar nicht anerkannt werden, einzutauschen.“ Gleichzeitig warnte Theurer davor, alles auf die Karte Berufsqualifizierung zu setzen: „Universitäre Ausbildung vermittelt und fördert grundlegende Fähigkeiten, auf die wir in dieser sich schnell ändernden Welt nicht verzichten können.“

Für Ralf Heinrich, Leiter des Strittmatter-Gymnasiums St. Georgen, ein ganz wichtiger Aspekt: „Bildung bedeutet für uns am allgemeinbildenden Gymnasium immer auch Bildung der Persönlichkeit.“ Doch das werde immer herausfordernder, denn „die Schüler werden immer jünger.“ Frühe Einschulung, G8, kein Wehr- oder Ersatzdienst – mittlerweile kommen zahlreiche 17-jährige bei DHBW und HFU an, so dass Schofer warnte: „Es wird viel zu früh viel zu viel von den Kindern und Jugendlichen verlangt.“ Werner und Schofer als Vertreter gewissermaßen sehr zielgerichteter Bildungeinrichtungen blickten über den Tellerrand hinaus  und hinterfragten das eigene Tun: Es werde zu stark vom Berufsbild her gedacht, heute schon seien ganz andere Fertigkeiten gefragt als vor zehn Jahren, und wer könne schon garantieren, dass das, was heute vermittelt wird, in zehn Jahren dazu befähigt, Anforderungen zukünftiger Berufsbilder zu genügen?

Theurer forderte Anstrengungen, neben der beruflichen Ausrichtung des Studiums mit dessen einhergehender Verschulung sicherzustellen, dass sich die Boschs, Maybachs und Steve Jobs von heute entwickeln können. Furtwängler erinnerte daran, bei aller Berechtigung für das humanistische Bildungsideal nicht zu vergessen, dass auch immer konkrete Entwicklungen abgebildet werden müssen: „Industrie 4.0 können wir nicht mit Schule 1.0 bewältigen, da muss Schule einfach mit der Berufswelt verzahnt werden.“

Während der engagiert geführten Diskussion im Plenum wurde die große Linie des Podiums mit vielen kenntnisreichen Anmerkungen bestätigt. Das Land, seine Studierenden und die Wirtschaft stellen sich demnach dann besonders zukunftsfähig auf wenn es gelingt, eher praxisorientierte Jugendliche in eine Ausbildung, ein duales oder Fachhochschulstudium zu lotsen, während der universitäre Sektor mit einem umfassenden Angebot auch randständiger Fächer in seiner Breite erhalten bleiben muss.