08. Dezember 2017
Abendveranstaltung des Jungen Wirtschaftsrates im Hause Tannenbaumlieferung Lanne GmbH
Wie zünde ich die nächste Triebwerkstufe?
Nachdem der Junge Wirtschaftsrat einen Agrarakzelerator zur Beschleunigung von StartUps für Schleswig-Holstein konzipiert hat, ging es diesmal darum, solche mit ihren Bedürfnissen kennenzulernen. Vier erfolgreiche StartUps, zwei aus der Land- bzw. Fortwirtschaft und zwei aus der Seewirtschaft, präsentierten dazu ihren Werdegang und ihre Wachstumspläne.
Der Junge Wirtschaftsrat zu Gast im Hause Tannenbaumlieferung Lanne GmbH (Foto: Wirtschaftsrat)

Die beiden Gastgeber auf dem familiären Gut im ländlichen geprägten Kattendorf bei Kaltenkirchen, Ingmar Brandes und Jasper Müller, machten den Anfang. Ihre Weihnachts-baumlieferung Lanne GmbH mit der Marke Tim Tanne sei bereits in der dritten Finanzie-rungsrunde und damit kein StartUp mehr. Die Idee: Ein Weihnachtsbaumversand von Nordmanntannen der höchsten Qualität im großen Stil. Vermarktet wird über Großunter-nehmen, die Weihnachtsbäume als Marketingvehikel oder zur Gratifikation ihrer Mitarbeiter nutzen möchten. So hat Metro jedem Kunden mit einem Einkauf über 150 Euro einen Gutschein mit auf den Weg gegeben, der dann eingelöst werden konnte. Elf Monate im Jahr gehe es um Akquisition und Aufwuchs der Tannen, während dann im Dezember eine unglaublich große logistische Herausforderung zu bewältigen sei, die selbst der Marktführer DHL nicht mehr allein bedienen könne.

„Den Markt gab es so noch nicht, er mußte erst kreiert werden.“, so Brandes, der den Gesamtmarkt mit 25-30 Millionen Weihnachtsbäumen auf einen Umsatz von über der Milliar-dengrenze schätzt. Natürlich sei für viele das Baumaussuchen ein Erlebnis, aber die Zahl der Männer, die die Zeit dafür nicht haben und ihrer Familie einen schönen Baum schuldig sind, denn das sei überwiegend Männersache, dieses Segment wachse. Die Kernkompetenz des Unternehmens sei aber nicht die Beschaffung oder der Versand der Bäume, sondern das Management der b2b-Datenströme in der Vermarktung und der Logistik sowie der b2c-Daten im Service. Hier lägen auch die Potentiale für weitere Entwicklungen. Im Hinblick auf die dritte Finanzierungsrunde habe man noch Einiges zu bieten, denn bisher halte man noch über 90 Prozent der Gesellschaftsanteile.

Hauke Lamb und Torben Weber, stellten die TRASER Software GmbH vor, ein echtes StartUp: Im Jahr 2014 in Kiel nach einem Gesellschafterwechsel ausgegründet, bedient es mit inzwischen 32 Mitarbeitern 1.800 Anwendern an 65 deutschen Standorten. Der Fokus liege auf Landmaschinenhändlern, deren Management man beim Handel, Miete und Leasing durch eine Software unterstütze. Der Markt sei besonders, weil die Kunden sich untereinander alle kennen. Deshalb könne man sich keine Fehler in der Qualität erlauben. Das sei offenbar geglückt, denn 2016 habe man überraschend einen Exklusivvertrag von John Deere erhalten. Seitdem sei das Wachstum die größte Herausforderung: Aufwuchs von Personal und Vergrößerung der Büroräume. Die nächste Triebwerkstufe sei die Internationalisierung.

Dr. Bert Wecker führt die Geschäfte der Förde Garnelen GmbH & Co. KG, die in Strande bei Kiel nahe der Küste schwarze Tigergarnelen aus den Tropen züchtet. Garnelenzucht ist an sich schon kompliziert, aber für die schwarze, aus Asien stammende Tigergarnele gilt dies im Gegensatz zur weißen, die in Peru und Mexiko heimisch ist, besonders. Nachdem man bei der  Schalentierzuchttechnik Anfang der 90er Jahre zur künstlichen Befruchtung überge-gangenen war, stieg um die Jahrtausendwende die asiatische Aquakulturproduktion der weißen sprunghaft auf das Zehnfache, knapp vier Millionen Tonnen, an, während die Produktion der schwarzen Art stagniert. Die Ausweitung der extensiv betriebenen Produktion führte zur Abholzung von Mangroven, massiven Nährstoffeinträgen, Versalzung der Böden, dem Einzug gebietsfremder Arten, Krankheitsübertragungen auf Wildbestände und dem Einsatz von Chemikalien und Medikamenten, insbesondere Antibiotika.


Die Förde Garnelen GmbH, eine Ausgründung aus der Erwin Sander Elektroapparatebau GmbH von Dr. Wecker, setzt dagegen auf geschlossene Kreislaufsysteme. Dabei nutzt er die Abwärme aus der benachbarten Biogasanlage, die mit aus dem Wasserlauf herausgefilterten Ausscheidungen gespeist wird. Es kämen weder Chemikalien noch Medikamente zum Einsatz, und die Nachklärung findet in dem benachbarten Klärwerk statt. Die Vermarktung für die frischen Fänge, die höchsten Qualitätsansprüchen genügen, erfolgt in einheimischer Gastronomie, über den Handel und über einen Lieferdienst binnen 24 Stunden. Die 5t-Jahresproduktion bediene nur ausgesucht hochpreisige Nischen in einem deutschen Markt, der von jährlich 40.000 Tonnen Import geprägt sei. Deshalb sei noch Raum für Wachstum. Dr. Wecker plant eine Verzehnfachung der Produktion, wobei seine künstlichen Magrovensysteme in Etagen drei Meter tief in die Erde gebaut werden sollen. Vom Standort Deutschland wünsche er sich insgesamt weniger Bürokratie. So sei Deutschland das einzige Land, das eine Schlachtverordnung auch für Wirbeltierlose geregelt habe.

Von der Bürokratie kann Dr. Tim Staufenberger, geschäftsführender Gesellschafter der Kieler Meeresfarm GmbH, ein schier unendliches Lied singen. Er vermarktet in der Kieler Förde gezüchtete, hochwertigen Ostseemiesmuscheln und produziert zudem Braunalgen für die Oceanwell GmbH, die ein Extrakt für Kosmetika herstellt und von der er sein Unternehmen im Jahr 2014 ausgegründet hatte. Denn hierzulande gilt das Tierschutzgesetz auch für Miesmuscheln, was Auswirkungen auf sein Verfahren hat. Vorgeschrieben wurde zudem ein Verpackungszentrum, in dem sein Ein-Mann-Betrieb die 2.000 kg Jahresproduktion ordentlich verpacken kann. Die Genehmigung dafür habe zwei geschlagene Jahre gebraucht. Und für einen Versand über eine 100 Kilometergrenze habe er bereits eine Rüge erhalten. Auf der anderen Seite, der Nordsee fische die holländische Delio-Familie mit ihren Kuttern jedes Jahr 5.000 Tonnen Miesmuscheln aus dem Meer. Während diese für 25.000 Euro die Überprüfung der Muscheln auf Landeskosten erhielten, sei er gezwungen, ständig Proben abzuliefern, die jeweils 500 Euro kosten und die auf Algentoxine kontrollieren, die noch nie in der Ostsee nachgewiesen worden seien.


Dabei sei sein Gewerbe höchst umweltfreundlich, denn seine Muscheln filtern 22 Liter Wasser pro Stunde und damit einmal pro Tag das Wasser im Volumen der Kieler Förde. Genau hier werde aber ein weiteres Problem gesehen. Wenn das Wasser gereinigt werde, dürften die Landwirte auf der Grundlage der bestehenden Abkommen mehr Nitrate in die Ostsee einleiten. Das sei jedoch in keinem Fall gewollt. Und dann sei da noch das INTERREG-Projekt zum nachsorgenden Umweltschutz mit einem Volumen von 4,3 Millionen Euro. Die Facette einer Reinigung durch Muschelzucht mußte ausgeschrieben werden, obwohl klar war, daß es weit und breit keinen anderen deutschen Muschelzüchter gibt.

Dr. Staufenberger nimmt es mit schwarzem Humor und skizziert unverdrossen seine Pläne. Die Stellnetzfischerei sei politisch jetzt etwas Böses und solle deshalb zukünftig aus den Natura2000-Gebieten verschwinden. Damit verlören die Nebenerwerbsfischer ihre Existenzgrundlage. Dr. Staufenberger sieht darin auch eine Chance: Wenn die Stellnetzfischer alle auf Muschelzuchten umstellen könnten sie weiterhin im Nebenerwerb beschäftigt bleiben, er seine Produktion vervielfachen und das Wasser der Ostsee würde ständig gereinigt./BZ