28. März 2018
Podiumsdiskussion mit Wirtschaftsminister Dr. Bernd Buchholz im Alten Gymnasium in Husum
Wasserstoff ist die Zukunft
Während die Elektromobilität immer noch sehr langsam Fahrt aufnimmt, zeichnet sich am Horizont bereits eine nächste große Innovationswelle im Energiebereich ab: Die Wasserstoffwirtschaft. Und Schleswig-Holstein hat aufgrund seiner Stromproduktion nicht nur gute Voraussetzungen, in dieser Entwicklung mitzumischen, sondern auch schon eine Reihe von Pilotprojekten.
v.l. Werner Weßing, Dr. Christopher Hebling, Dr. Martin Grundmann (Moderator), Minister Dr. Bernd Buchholz, Reinhardt Christiansen und Tim Brandt (Foto: Wirtschaftsrat)

Dies waren auch die entscheidenden Gründe, warum Dr. Christopher Helbing, Direktor der Abteilung Wasserstoff-Technologie des Fraunhofer-Instituts für Solarenergiesysteme des ISE Freiburg, spontan zugesagt hat, fachlich in die Veranstaltung in Husum einzuführen. Und seine Botschaft war klar: Die Wasserstoffwirtschaft kommt, und sie kommt mit Macht. Ein internationaler Treiber sei beispielsweise Japan, das angefangen habe, seine gesamte Volkswirtschaft auf das neue System umzurüsten.

 

Ein weiteres Indiz für das Potential seien die Fortschritte beim Wirkungsgrad der Elektrolyse, die vor wenigen Jahren noch bei 40 Prozent lag und inzwischen bei 70 Prozent bis 80 Prozent liegt. Auch in Deutschland gebe es eine Reihe interessanter „Power to Gas“-Projekte, wie ENERTRAG Prenzlau, Energiepark Mainz oder in Werlte im Emsland. Dr. Helbing berichtete zudem über Gasröhrenspeicher, die unterirdisch Wasserstoff speichern könnten, das Landschaftsbild nicht beeinträchtigen oder auch direkt unter Solarfeldern Wasserstoff für 1,5 - 2 GWh aufnehmen könnten. Perspektivisch könne der Wasserstoff nicht nur zur Stabilisierung der Stromversorgung und für die Industrie genutzt werden, sondern ebenso für Antriebe, um andere Kraftstoffe für die Mobilität zu ersetzen.

Sektionssprecher Dr. Martin Grundmann ließ danach vier Pilotprojekte aus Schleswig-Holstein präsentieren, auch um Minister Dr. Bernd Buchholz eine gute Vorlage für seinen Beitrag zu liefern.

Den Anfang machte Tim Brandt, Geschäftsführer der Wind to Gas Energy GmbH & Co. KG, der über das Projekt PtG berichtete, das in Brunsbüttel Überschussstrom bei hohen Windstärken in Wasserstoff um wandelt und den Wasserstoff in das lokale Erdgasnetz oder in den Tank einer Wasserstofftankstelle einspeist. Aus 2,4 MW Leistung ließen sich 40 kg Wasserstoff pro Stunde generieren, die ein Brennstoffzellen-Pkw 4.000 Kilometer transportieren könne.

Dabei sei der Tankvorgang 30mal schneller als bei einem modernen Elektromobil. Für die Wirtschaftlichkeit müssten sich allerdings die Rahmenbedingungen ändern. Nicht nur die EEG-Umlage und Netzentgelte sollten für diese Technologie wegfallen, sondern Wasserstoff sollte in der Raffinerie und als Kraftstoff als emissionsfrei anerkannt werden und weitere Hürden im EEWärmeG, im § 13 EnWG und in der TEHG seien zu schleifen. Erst dann wäre der Weg frei, die Wertschöpfung aus der Produktion von erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein zu ernten.

Werner Weßing, Gas Programm Manager der E.ON Metering GmbH aus Essen, berichtet von dem ersten EU-weiten Wasserstoffprojekt für ein Gasverteilungsnetz ohne Austausch der Gasgeräte, das über die Druckregelanlagen Klanxbüll und Neukirchen in Gastermen von 170 Netzkunden eingespeist wird. Im Jahr 2014 habe man angefangen mit kurzen
Zuspeisungen von 2 Prozent, 3 Prozent und 4 Prozent Wasserstoff, die dann in neun verschiedenen Gerätearten von 27 Herstellern in Wärme und Strom umgewandelt worden seien. Im Jahr 2015 habe man dann die Phase verlängert und den Anteil auf 6,5 Prozent und dann 9 Prozent erhöht. Der Betrieb lief störungsfrei. Labortests hätten ergeben, daß auch bei
einem Einspeiseanteil von 20 Prozent Wasserstoff ins Erdgasnetz kein Austausch der Endgeräte erforderlich sei. Als nächstes werde man eine Einspeisung bis 30 Prozent testen. Darüber hinaus dürfte es Schwierigkeiten bei den Endgeräten geben, die Gasnetze seien jedoch ausgelegt, auch 50 Prozent oder sogar 100 Prozent Wasserstoff aufzunehmen.

Reinhard Christiansen, geschäftsführender Gesellschafter der Energie des Nordens GmbH & Co. KG, betreibt bereits viele Bürgerwind- und Solarparks sowie Umspannwerke und arbeitet jetzt daran, mittels eines Elektrolyseurs eine Wasserstofftankstelle in Ellhöft zu betreiben. Toyota, Hyundai, Renault und Daimler würden zwar schon entsprechende PKW-Modelle feilbieten, für die Wirtschaftlichkeit seiner Tankstelle brauche er jedoch eine hohe garantierte Auslastung, d.h. eine Abgabe von jährlich 36.000 kg Wasserstoff, was in etwa 20 täglich tankenden Pkw oder 100 entspricht. Auch er klagt über eine Reihe von Regulierungen, die notwendig seien, wie eine Befreiung von Steuern und Abgaben sowie einer immissionsschutzrechtlichen Genehmigung. Ohne Investitionsund Betriebsförderung sei das Vorhaben unwirtschaftlich, aber ohne praktische Erfahrungen würden auch die Perspektiven für wasserstoffgetriebene Mobilität von Bussen, Lkw, Bahn, Schiffen und Fahrrädern wenig aussichtsreich.

Dr. Bernd Buchholz, Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, dankt für die Vorstellungen: Schleswig-Holstein habe einen einzigartigen Vorteil, nämlich viel überschüssige Energie, dessen Abriegelung volkswirtschaftlicher Schwachsinn sei. Südlink, d.h. der Abtransport gen Süden werde nicht vor 2027 bis 2030 Realität, wobei die Südländer keine Freunde des Stroms aus dem hohen Norden und die Küstenländer zusammen im Bundestag und im Bundesrat weit weg von einer Mehrheit seien. Deshalb sollte der Norden frühzeitig Alternativen prüfen, und Wasserstoff biete dazu großartige Perspektiven, in Deutschland zum Vorreiter zu werden. Er werde sich auf der
Bundesebene dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen dafür geschaffen und auch Experimentiermöglichkeiten gefördert werden./BZ