02. Oktober 2018
4-tägige Delegationsreise des Jungen Wirtschaftsrates
Wachstumslokomotive Siebenbürgen
Der Junge Wirtschaftsrat hat vier Tage lang mit einer zehnköpfigen Delegation Bukarest, Kronstadt und Hermannstadt besucht. Zum Abschied konnte die Reisegruppe auf Einladung des Generalkonsuls an den eindrucksvollen Feierlichkeiten des Tages der Deutschen Einheit teilnehmen, die mit mehreren hundert Mitglieder der deutschen Minderheit und weiteren gesellschaftlichen Würdenträgern im Hilton in Hermannstadt stattfanden. Rumänien entpuppte sich für die Teilnehmer als aufstrebender Balkanstaat mit fortgesetzten Entwicklungschancen.

Im Büro des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien in Bukarest mit Dr. Klaus Fabritius (3.v.l.), der schon viele Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Minister in der Hauptstadt bei sich zu Gast hatte. / Foto: Wirtschaftsrat

Die deutsche Minderheit in Rumänien

 

Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien ist die einzige Vertretung deutschstämmiger Bürger in Rumänien mit politischem und gesellschaftlichem Gewicht. Das Forum gliedert sich in mehrere Regionalforen. Wir trafen uns mit Herrn Dr. Klaus Fabritius, Vorsitzender des Regionalforums Altreich, des Teils Rumäniens, welcher bereits vor dem ersten Weltkrieg zum Königreich Rumänien gehörte: Moldau, Walachei und Dobrudscha. Transsilvanien, in Deutschland besser bekannt als das Siebenbürgen, wurde nach dem zweiten Weltkrieg und dem Untergang des Königreichs Österreich-Ungarns Teil Rumäniens. Dr. Fabritius, früher Staatssekretär des Kanzleramts und Universitätsprofessor für Umwelt und Gesundheit, berichtete von engen diplomatischen Verbindungen nach Deutschland und über die Arbeit des Forums im Kontext der aktuellen Politik.

Vor dem zweiten Weltkrieg lebten ca. 800.000 Deutsch- und Österreichstämmige in Rumänien. 1944 kapitulierte Rumänien vor dem Sowjetreich, was dazu führte, dass sich „Deutsche gegen Deutsche“ im umkämpften Transsilvanien gegenüberstanden: Die deutsche Wehrmacht gegen die Soldaten der deutschen Minderheit aus Rumänien, die von Sowjets in die erste Reihe an die Front geschickt wurden. Aufgrund des zweiten Weltkriegs halbierte sich die Anzahl der Deutschstämmigen.

 

Nach dem Fall der Mauer und des Sowjetreichs folgte in den 90-er Jahren eine Auswanderungswelle, weshalb heute nur noch 40.000 Bürger deutscher Abstammung in Rumänien wohnen. Trotz dessen hat die deutsche Minderheit traditionell eine starke Stellung in Rumänien: Der erste König Rumäniens, König Karl, stammte ab von den Hohenzollern und war wegen seiner Volksnähe überaus beliebt. Auch heute ist die deutsche Minderheit in der Regierung präsent: Klaus Johannis, der aktuelle Präsident des Landes, ist deutscher Abstammung. Er kommt aus Sibiu (Hermannstadt) und war dort 14 Jahre lang Bürgermeister. In Hermannstadt leben ca. 200.000 Einwohner, davon sind ca. 8.000 deutschstämmige Rumänen, von denen ca. 5.000 wahlberechtigt sind. Obwohl die deutsche Minderheit in Sibiu nur noch ca. 4 Prozent ausmacht, erhielt er bei der Bürgermeisterwahl im Jahr 2000 knapp 70 Prozent der Stimmen. Im Jahr 2004 wurde er mit 88,7 Prozent wiedergewählt. Das zeugt von dem großen Vertrauen der Rumänen in die deutschstämmige Minderheit.

Das positive Image zeigt sich auch in der Auslastung der deutschen Schulen, die mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung größtenteils von dem Demokratischen Forum unterhalten werden und ein deutsches Abitur vergeben. Zudem würden vermehrt private deutschsprachige Kindergärten und Schulen errichtet. Deshalb fehle es inzwischen an ausgebildeten Deutschlehrern. Die Einstiegsgehälter seien anschließend allerdings so niedrig, dass ein Studium oder Jobeinstieg in Deutschland häufig attraktiver erscheint.

 

Der Auswanderungsdruck habe mit der EU-Mitgliedschaft im Jahr 2007 nachgelassen, wonach die deutschstämmigen Rumänen, wie schon lange ersehnt, ohne bürokratische Hürden Familie und Freunde in Deutschland oder Österreich besuchen können. / Sophie Paul

 

 

Rumänische Politik

Am Sonntagabend haben Dr. Dr. Martin Sieg, Leiter des Auslandsbüros Rumänien der Konrad-Adenauer-Stiftung und Herr Dr. Tănase Stamule, Prodekan (FABIZ Studiengang in deutscher Sprache) die Delegation zu landestypischen Spezialitäten, z.B. Zacusca (rumänischer Gemüseaufstrich) und Traubensaft, ins Restaurant Zexe eingeladen, um über die politische Situation in Rumänien zu diskutieren, welche derzeit aufgeheizt sei. Der Vorsitzende der regierenden Sozialdemokraten (PSD), Liviu Dragnea, sei wegen Wahlmanipulation vorbestraft und dürfe deshalb kein Regierungschef werden, zudem drohe ihm wegen eines weiteren Vorwurfes eine Haftstrafe, dieses sei nicht ungewöhnlich: Eine Reihe ehemaliger Regierungsmitglieder hätte bereits Haftstrafen verbüßt. Jetzt werde jedoch die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörde politisch in Frage gestellt, wogegen – nach langer Zeit ohne politische Demonstrationen – erstmals wieder eine stattgefunden hat.


Ein zunehmendes Problem sei der Fachkräftemangel. Mit dem Rekordwachstum im Jahr 2017 seien die Löhne in der Privatwirtschaft stark gestiegen, während im staatlichen Sektor seit langem für zwei Pensionierungen jeweils nur eine Neueinstellung vorgenommen werde und qualifiziertes Personal zu den gebotenen Gehältern kaum zu bekommen sei, weshalb die Bezüge von Ärzten und zukünftig wohl auch der Lehrer drastisch angehoben würden. Eindrucksvoll ist die Digitalisierungsstrategie des Landes. Das Land sei flächendeckend glasfaserverkabelt,  und man bilde überdurchschnittlich viele Softwareingenieure an den Hochschulen aus, die anschließend von der Lohnsteuer befreit sind. Rumänien beherbergt fünf große Branchen: IT, Automobil (Dacia, Ford), Energie (45 Prozent Wasser- und Windkraft), Tourismus (viel Potential) und Landwirtschaft (20 Prozent Anstieg pro Jahr)./ Kristina Engel

 

 

DeBizz – das einzige rumänischdeutsche Wirtschaftsmagazin

Am zweiten Abend traf sich die Delegation mit dem Verkaufsleiter Andrei Teaha des DeBizz-Verlages zum Abendessen im „Hanu ’Berarilor Interbelic – Casa Oprea Soare“, eines der bemerkenswertesten Restaurants in Bukarest. Der Name stammt von einem der reichsten Kaufleute Rumäniens. Das Gebäude im neo-romanischen Stil empfängt einen in einer musikalischen und tänzerischen Atmosphäre. DeBizz ist ein reichweitenstarkes deutsch- und rumänischsprachiges Wirtschaftsmagazin, das monatlich seit April 2003 in einer Printauflage von 5.000 Exemplaren international vertrieben wird und sich an Geschäftsleute, Diplomaten und Politiker richtet. Themen sind wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Volkswirtschaft, Finanzen
und Politik. Neben jeglicher Art von Werbedienstleistungen wie Anzeigen, Berichten und Publikationen, bietet der Verlag PR-Betreuung mit den Schwerpunkten Events und Netzwerken. Ein interessantes Spektrum für den Jungen Wirtschaftsrat, der bei vielen neuen Gerichten, Getränken und Tanzeinlagen einen beeindruckenden Abend erleben durfte. / Christo Stoyanov

 

 

Rumänisch-deutsche Unternehmensbeziehungen

 
Die deutsch-rumänische Wirtschaftsrechtskanzlei STALFORT Legal Tax Audit hat sich nach ihrer Gründung im Jahr 1997 in Bukarest auf die Beratung ausländischer Investoren, vornehmlich aus Deutschland und Österreich, spezialisiert. Laut Inhaberin Cristiana Stalfort und Experte Christian Weident konzentrieren sich die Investitionen auf die Region Siebenbürgen und die Hauptstadt Bukarest. Hier bilde sich in den letzten Jahren eine neue Mittelschicht heraus, welche sehr eng mit deutschen Firmengründungen verbunden ist. Der Anteil deutschsprachiger Rumänen ist auf Grund des historischen Vorhandenseins von deutschsprachigen Schulen und Gymnasien hoch. Deutsch sei neben Englisch die zweitwichtigste Fremdsprache. Sehr förderlich sei zudem das seit der k.u.k Monarchie eingeführte Kataster- und Liegenschaftswesen.

 

In anderen Regionen seien Eigentumsrechte häufig unklar, was Investitionen erschwere. Die Kanzlei sieht im Bereich Tourismus noch große Wachstumspotentiale, besonders an der Küste des Schwarzen Meeres und in den Karparten. Kritisch sei, bedingt durch eine fortwährende Abwanderung qualifizierter Kräfte nach Westeuropa, der zunehmende Fachkräftemangel. Um dem entgegenzuwirken, würden bereits Arbeitskräfte aus Moldawien und der Ukraine aktiv angeworben. Der Wirtschaftsstandort Rumänien gewinne als Markt für Fahrzeuge, Maschinen und Know how aus Deutschland zunehmend an Attraktivität. Auch der Absatz von Konsumgütern sei stark steigend. / Harmen Mehrdorf

 

 

Deutsche Vertretung in Hermannstadt

 
Der erste Termin in der schönen und geschichtsträchtigen Stadt Hermannstadt (rumänisch Sibiu) führte in das Deutsche Konsulat. Der stellv. Konsul Harald Fratczak widmet sich hier mit zwölf Mitarbeitern insbesondere kulturellen Aufgaben mit Bezug zur deutschen Minderheit. Bei wirtschaftlichen Fragestellungen wird der Kontakt zur Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer und zum Deutschen Wirtschaftsclub Siebenbürgen hergestellt. Fratczak bestätigt die besondere Rolle Siebenbürgens als Wachstumslokomotive Rumäniens. Durch die kulturelle und sprachliche Verbindung zu Deutschland gelang es dem ehemaligen Oberbürgermeister von Hermannstadt und jetzigen Präsidenten Rumäniens Klaus Johannis viele Unternehmensansiedlungen aus Deutschland zu fördern. Eine solche Entwicklung gibt es in großen Teilen im Süden und Osten Rumäniens nicht.

 

Eine schlechte Versorgung und unzureichende Infrastruktur bestimmen noch immer das Leben vieler Menschen. Die größte Herausforderung für den anhaltenden Aufschwung sei der Wegzug von Arbeitskräften. Einige Arbeitgeber in Hermannstadt hätten das Einzugsgebiet erweitert, indem sie Mitarbeiterbeförderung aus den benachbarten Regionen organisieren und Wohnungen bauen. Neuerdings gäbe es zudem Altenheime in der Region, die preiswerte Alternativen in einem milden Klima für deutsche Senioren darstellen. Der Ausbau der Autobahnanbindung und des Flughafens sprächen für ein fortgesetztes Wachstum, wobei mit der EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens im kommenden Jahr weitere positive Impulse erwartet werden können. /

Karsten Panow

 

 

Die evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses
Am Sonntagmorgen besuchte die Delegation einen Gottesdienst der „Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses“ in Bukarest. Pfarrer Andrei Pinte, 34, trägt zwar einen weißen Kragen, predigt jedoch die zehn Gebote und singt Kirchenlieder auf Deutsch mit den anwesenden Gemeindemitgliedern. Seine würdevolle Erscheinung im schwarzen Gewand mit auffälliger Silberplatinen-Kette, großer Statur und tiefer, fast akzentfreier Stimme wirkt aber nicht demütig, sondern ungewohnt ehrerbietig. Wie selbstverständlich äußert er sich während des einstündigen Gottesdienstes auch mahnend z.B. über die Verwerflichkeit von Status- und Konsumsucht, Korruption im Land und spricht über das Volksbegehren gegen die Ehe für alle. Nach dem Gottesdienst berichtet der Pfarrer von ca. 230 evangelische Kirchenburgen, von denen mit den verfügbaren Mitteln nur knapp 10 Prozent renoviert werden können. Die deutschsprachige Kirche wird als Bildungsträger sehr geschätzt: Zum evangelischen Religionsunterricht werden viele Kinder orthodoxer Eltern geschickt, um Deutsch zu erlernen. / Nadine Sydow