Voll daneben!

Das Jahr 2016 war in den Augen vieler Politiker und Politikinteressierter ein Desaster für die Demoskopie. Brexit, Trump, Landtagswahlen – immer wieder lagen Umfragen krachend neben den tatsächlichen Ergebnissen. Kann das auch im Wahljahr 2017 wieder geschehen? Leider ja - von Ralf Schuler, Leiter der Parlamentsredaktion von BILD

Wer sich dagegen wappnen will, sollte einen Blick auf die Ursachen richten. Denn der Grund für die fehlgeleitete Interpretation von Meinungsforschung lag und liegt oft nicht bei den Instituten, sondern in der falschen Art, die Ergebnisse zu lesen. Besonders krass trat dies in den USA zu Tage, wo das Wahl- und Wahlmännersystem landesweite Erhebungen nahezu sinnlos macht. Beim Brexit gab es lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern, das viele glühende Europäer einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Und selbst bei den Landtagswahlen in Deutschland schnitt die Union beim Zieleinlauf durchweg schlechter ab, als in den Umfragen. Die AfD lag dagegen deutlich über den Voraussagen. 

 

Was tun? Zunächst ist schon viel erreicht, wenn man sich klarmacht, dass Umfragen Tendenzen anzeigen, keine Punktlandungen. Es ist gängige Praxis und auch völlig in Ordnung, dass Wahlkämpfer die jeweils besten Werte zur Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft nutzen und noch einen Hoffnungsbonus oben drauf legen. Der nüchterne Analytiker sollte sich allerdings solche Euphorie verbieten und ähnlich agieren, wie ein Chart-Techniker an der Börse: die langfristigen Linien sehen, abwärts, stabil oder aufwärts.

 

Immer wieder wichtig ist auch, sich die Fragestellungen im Detail anzusehen. Wenn beispielsweise die Orientierung auf die politische Mitte bei der Union deshalb als besonders aussichtsreich dargestellt wird, weil sich dort angeblich die meisten Wähler befinden, gibt es ein Problem: Die Verortung in der „Mitte“ wird oft durch Selbsteinschätzung des Befragten ermittelt. Kommen dabei Werte im hohen 70er- oder 80-Prozentbereich heraus, liegt schon arithmetisch auf der Hand, dass solche Zahlen nur zustande kommen können, weil sich auch Sympathisanten von Linken, Grünen, Liberalen oder AfD selbst als „Mitte“ sehen, die sie politisch freilich gar nicht sind.

 

Und man sollte zur Vervollständigung des Stimmungspanoramas den Blick über die Umfragen hinaus schweifen lassen: Wenn allein im 1. Quartal 2016 mehr als 90.000 Deutsche einen kleinen Waffenschein beantragen, lässt das Rückschlüsse auf das Sicherheitsgefühl und das Abschneiden von Parteien zu, denen man auf diesem Gebiet Kompetenz zuweist – oder eben nicht. Wenn auf Wahlkampf-Veranstaltungen im Publikum vorzugsweise Funktionäre sitzen, Zuschauerzahlen offensichtlich geschönt sind oder die Stimmung auf Plätzen und an der Basis einfach mies ist, sollte man es zumindest zur Kenntnis nehmen und nicht von parteiräsonierenden Lautsprechern übertönen lassen. Und: Bei Trump, Brexit, AfD und den meisten rechtspopulistischen Bewegungen gibt es klare Trennlinien zwischen Stadt und Land beziehungsweise gehobenen und niedrigeren sozialen Schichten. Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Medien tun gut daran, den Meinungskanon ihrer eigenen Metropolen-Milieus – wie etwa Globalisierung, Migration, Gender-Politik, Öko-Orientierung - nicht automatisch für repräsentativ und mehrheitsfähig zu halten.

 

Besonders tückisch dürften im Wahljahr 2017 aber wiederum zwei Faktoren eine realistische Einschätzung der Lage erschweren: Nichtwähler und „sozial erwünschtes Verhalten“. Zum einen lehnen Nichtwähler zu einem hohen Anteil die Teilnahme an Befragungen ab – warum sollten sie auch angeben, was sie von Parteien halten, die sie sowieso nicht wählen? Zum anderen bleibt aber auch unter den Antwortenden ein hoher Prozentsatz, der sich nicht traut, zuzugeben, dass er nicht zur Wahl geht. Beides verzerrt die Ergebnisse.

 

Hinzu kommt, dass in Zeiten heftiger Polarisierung, die Furcht vor Nachteilen durch „falsche Meinungen“ steigt. Oft werden Politik und Medien als Meinungsblock wahrgenommen, die vereint beispielsweise gegen Trump, gegen Brexit, gegen AfD oder gegen Russland stehen. Landen ehrliche Antworten da womöglich am Ende doch bei meinem Arbeitgeber oder Behörden? In Zeiten, in denen ein Minister-Anwärter in Mecklenburg-Vorpommern nicht nominiert wird, weil er ein Like auf einer AfD-Seite gesetzt hat, ist diese Angst sogar nachvollziehbar. Kein Wunder also, dass diese Selbstverleugnung bei Telefon-Interviews stark, bei Online-Befragungen schwächer und sogar bei Nachwahl-Befragungen messbar auftritt. Der Wähler straft lieber heimlich und hart im Schutze der Wahlkabine.

Dabei sind die Rückkehrer aus dem Nichtwähler-Lager für die etablierten Parteien am gefährlichsten. Diese vormaligen Wahlverweigerer hatten sich ganz offensichtlich zurückgezogen, weil sie das gesamte politische Establishment ablehnen, und nun in Trump, Brexit oder AfD ein wirksames Mittel zur schmerzhaften Abstrafung sehen. Die Nichtwähler stellten 2016 die stärksten Wählerströme zur AfD, erst dann kam der Aderlass der anderen Parteien.

 

Diese Wähler, die sich in der „Systemopposition“ sehen, es satt haben, dass sie immer wieder Denkzettel verteilen, und sich in der Politik die immer gleichen Akteure ihre Koalitionen einfach mit neuen Farbspielen zusammenrechnen, diese Wähler erreicht man mit Sachpolitik, Asylpaketen, Rentenreform oder Türkei-Deals kaum noch. Denn während die Parteien über die technischen Aspekte von Digitalisierung und Industrie 4.0 referieren, begreifen sie erst langsam, dass diese politischen Milieus im Netz ihre eigenen Kreise bilden, mit eigenen Wahrheiten und Informationen.

 

Das Kernproblem der Politik im Jahr 2017 lautet deshalb: Vertrauen zurückgewinnen, Menschen zurückgewinnen. Der „Schulz-Effekt“ bei der SPD legt die Vermutung nahe, dass es dabei weniger um Inhalte geht, als vielmehr um Alternativen zum bekannten Personal. Für die Union könnte es dabei besonders schmerzhafte Überraschungen geben, denn sie kommt diesmal von links und rechts unter Druck. 1998, im Jahr der Abwahl von Helmut Kohl, konnte sich die Union allerdings noch auf ihre Stammwählerschaft verlassen. Die hat sie in der Zwischenzeit durch den Mittenkurs zum Teil nachhaltig vergrault. Manche sind zur AfD abgewandert, andere bilden zahlreiche konservative Grüppchen innerhalb der Union und sind nur bedingt verlässliche Unterstützer der Spitzenkandidatin. Kurz: Es wird spannend im Wahljahr 2017.

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