18. November 2016
"Deutschland muss seine Unternehmen halten!"
Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sprach beim Wirtschaftsrat Hamburg über den Technologiestandort Deutschland
Bereits seit 1987 sind Hamburg und die sächsische Landeshauptstadt Dresden Partnerstädte. Beide verbindet nicht nur die Lebensader Elbe, sondern auch ihre lange und erfolgreiche Tradition als Standorte der Luftfahrtindustrie. Was viele nicht wissen: Jeder, der in einen Airbus steigt, betritt sächsischen Boden. Die Elbe Flugzeugwerke in Dresden entwickeln und produzieren die Böden für alle Airbus-Flugzeuge.
Stanislaw Tillich, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen (Foto: Airbus)

Vor diesem Hintergrund war klar, wohin der Wirtschaftsrat Hamburg seine Mitglieder anlässlich des Besuchs von Stanislaw Tillich, seit 2008 Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, einladen „musste“ – natürlich auf das Airbus-Werksgelände in Finkenwerder. Dort sprach Tillich über die Erfolgsfaktoren seines Bundeslandes und die Herausforderungen für den Innovations- und Technologiestandort Deutschland. Dr. Georg Mecke, Leiter des Airbus-Standorts Finkenwerder, gab zuvor einen Einblick in den Airbus-Konzern. Im Anschluss hatten die Mitglieder Gelegenheit zu einer ausgedehnten Werksführung.

 

„Was können wir tun, um die Wirtschaft in Deutschland voranzubringen?“, wandte sich Gunnar Uldall, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates, bei der Begrüßung an die Gäste. Die Antwort gab er gleich selbst, in dem er auf die Erfolgsgeschichte Sachsens verwies: „Der Freistaat ist ein Bundesland mit Beispielcharakter. Sachsen zeigt, wie ein Strukturwandel gelingt“, lobte Uldall und verwies u.a. auf das sächsische Bildungssystem.

 

Im Anschluss betonte der Gastgeber Georg Mecke, dass die Entwicklung von Airbus in Hamburg keineswegs eine rein unternehmerische Leistung gewesen sei: „Herr Senator Uldall stand selbst bei Regenwetter auf dem Bauwagen. Er war sich in keiner Sekunde zu schade, für das Airbus-Werk zu ringen. Die Politik hat etwas gewollt und dann haben wir das hingekriegt.“ Gleichzeitig zeigte er sich skeptisch, eine solche Entscheidung heute noch einmal herbeiführen zu können: „Das wäre gar nicht möglich“, so Mecke und spielte damit wohl auch auf drohenden Protest durch Bürgerinitiativen und Umweltverbände an. Umso stolzer sei er über die Entwicklung am Standort Finkenwerder. Hamburg sei inzwischen der drittgrößte Luftfahrtstandort weltweit und mit 16.000 Mitarbeitern der größte private Arbeitergeber der Stadt.

 

Trotz der guten Entwicklung ist Airbus aber auch mit großen Herausforderungen konfrontiert. Immer individuellere Kundenwünsche machten es der Produktion einerseits schwer, andererseits müsse man der wachsenden internationalen Konkurrenz, die längst nicht mehr nur aus den USA kommt, Paroli bieten. „60 Flugzeuge wollen wir ab 2019 monatlich produzieren. Dafür müssen wir unsere Produktion ausbauen und die Flugzeuge ständig weiterentwickeln“, erklärte der Airbus-Standortleiter. In diesem Zusammenhang soll auch der 3D-Druck vermehrt in der Teileherstellung eingesetzt werden. Deswegen kooperiere Airbus mit Universitäten, Forschungsinstituten und Luftfahrtunternehmen. Man sei stets offen für neue Ideen. Dabei lobte Mecke die Zusammenarbeit mit den Dresdener Elbe Flugzeugwerken, die neben den Böden auch die Frachtverkleidung herstellen und Maschinen zu Fracht- und Tankflugzeugen umrüsten.

 

Ministerpräsident Tillich warb in seinem Vortrag für eine proaktive Wirtschaftspolitik: „Der Staat muss Gärtner sein und darf nicht Zaun sein, wenn er Wachstumspolitik betreiben will“, zitierte er die Bundeskanzlerin und belegte diese These am Beispiel seines Bundeslandes Sachsen. Der Freistaat sei schon seit dem 12. Jahrhundert führend im Bergbau gewesen und habe sich im Zuge der Mechanisierung zum industriellen Herzen Deutschlands entwickelt. Durch den Zweiten Weltkrieg zerstört und in mehr als vier Jahrzehnten Kommunismus abgewirtschaftet, habe es nach der Wiedervereinigung mit bis 29 Prozent Arbeitslosigkeit und nicht konkurrenzfähigen Firmen hart kämpfen müssen. Wie Tillich unterstrich, habe es zwar an Kapital und Technologien gefehlt, „die Köpfe und Hände sind jedoch da gewesen“. Ein Grund dafür, dass VW und Porsche Produktionsstandorte in Leipzig eröffneten und Daimler erst kürzlich den ersten Spatenstich für die größte Batteriefabrik Europas im sächsischen Kamenz setzte. In diesem Kontext hob Tillich hervor, dass Unternehmen die sehr effiziente Verwaltung des Freistaates schätzen.

Impressionen
Der Landesvorsitzende des Wirtschaftsrates Hamburg, Gunnar Uldall, begrüßte die Gäste (Foto: Airbus)
1 / 8

Um die klugen Köpfe zu halten, habe man viel in die Wissenschaft investiert. Aus ehemaligen Ingenieursgesellschaften seien inzwischen elf Fraunhofer-, drei Helmholtz- und sechs Max-Planck-Institute entstanden. Mit der TU Dresden hat Sachsen außerdem die größte deutsche technische Universität mit dem größten Informatik-Lehrstuhl Deutschlands. Mit 740.000 Wissenschaftlern stellt der Freistaat somit nach Paris und München das drittgrößte Forschungszentrum Europas dar.

 

Seiner investitionsfreudigen Wirtschaftspolitik stellten sich aber auch Kritiker und Hindernisse in den Weg, erklärte Stanislaw Tillich. Vor allem Bürgerinitiativen schränkten immer wieder den Ausbau von Infrastruktur sowie Unternehmenserweiterungen und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ein. Auch die kommunale Gesetzesverwaltung und der deutsche Föderalismus erschwerten Investitionen in den Ausbau einer flächendeckenden, zukunftsfähigen Infrastruktur. Von Seiten der Presse werden zudem stets Fehlinvestitionen befürchtet. „Wer nichts riskiert, der nichts gewinnt“, entkräftete Tillich diese Stimmen. „Es ist richtig und wichtig, über sozialpolitische Fragen zu diskutieren. Aber wir sollten nicht vergessen: Erst muss gearbeitet werden, dann kann verteilt werden.“

 

Für die Zukunft schätzt Tillich vor allem den Standortfaktor „Verwaltung“ als maßgeblich für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft ein. „Wir stecken unseren Unternehmen so viele Stöcker in die Fahrradspeichen, dass sie laufend darüber stolpern“, kritisierte der Ministerpräsident. Eine effiziente Verwaltung, die zügig Genehmigungen erteilt, sei ein ebenso wichtiger Standortfaktor wie z.B. Arbeitskräfte und Bildung. Um seine Unternehmen im Land zu halten, müsse Deutschland auch mit Gesetzen Impulse geben. Polen könne beispielsweise seit der Verabschiedung eines Gesetzes zur steuerlichen Förderung von Forschungs- und Entwicklungsleistungen einen erkennbaren Zuwachs an international bedeutenden Technologieunternehmen verzeichnen, so Tillich. Im internationalen Konkurrenzkampf sei es Deutschlands Chance, „nicht in Masse, sondern verknüpft mit Intelligenz zu produzieren und so in bestimmten Technologiebereichen eine eigene Kompetenz in der EU zu haben.“

 

Abschließend überreichte Gunnar Uldall sowohl Stanislaw Tillich als auch dem Gastgeber Georg Mecke einen Miniatur-Container mit diversen Hamburger Leckereien. Den Ministerpräsidenten bat er: „Bringen Sie ihre Botschaften weiterhin nach vorne!“ Die Diskussion um Wettbewerbsfähigkeit dürfe nicht nur auf Länderebene, sondern müsse auch von der Bundesregierung intensiver geführt werden.

 

Nach den Vorträgen im Auditorium starteten der Ministerpräsident und die Mitglieder des Wirtschaftsrates Führungen durch verschiedene Produktionshallen des Airbus-Werks. Die Besucher konnten sich u.a. die Halle zur Endmonate der A320-Reihe und die Produktion der A380-Rumpfteile anschauen. Geführt von erfahrenen Ingenieuren, blieb keine der vielen Fragen offen.

Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
Telefon: 040/ 30381049
Telefax: 040/ 30381059