23. Februar 2018
Mittagsveranstaltung der Sektion Kiel im Romantik Hotel Kieler Kaufmann
Für bezahlbares Wohnen mehr verdichten und "ab in die Höhe"
Kreativ, nachhaltig und vor allem wirtschaftlich – das ist der Anspruch an alle Ideen und Lösungen, die in den nächsten Jahren in den Ballungsräumen für die Schaffung von neuem und bezahlbarem Wohnraum gefragt sind. Die Sektion Kiel hat im Februar die städtische Wohnungspolitik zum Thema gemacht. Architekt Bernd Dahlgrün, Professor an der Hafencity Universität Hamburg, und Doris Grondke, Stadtbaurätin in Kiel, berichteten im Kieler Kaufmann, wie Lösungsansätze in der Hansestadt und in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt aussehen können.
Sektionssprecher Reimer Tewes (rechts) freute sich über die Ansätze, die Architekt Prof. Dr. Barnd Dahlgrün (Hafen-Uni, HH) und Kiels Stadtbaurätin Doris Grondke in ihren Vorträgen zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum in den Innenstädten aufzeigten. Foto: Agentur Hartwig3c

Die Botschaft Dahlgrüns für Hamburg war eindeutig. „Hamburg muß sich als Stadt verändern, damit sie bleiben kann, wie sie ist. Um die bis 2030 geplanten 70.000 neuen Wohnungen bauen zu können, müssen neue Wege gegangen werden“. Nur in der Gründerzeit seien in einem vergleichbaren Zeitraum so viele Wohnungen entstanden. „Dabei wurden allerdings etwa 67 Hektar Land bebaut. Diese Flächen haben wir heute nicht mehr.“ Es seien nur noch wenige große Grundstücke – meist in Randlage – vorhanden, die erschlossen werden könnten.

Der Fachbereich Geomatik der Hafencity Universität habe deshalb ab 2015 untersucht, welches Potenzial sich bietet, wenn bestehende Gebäude der Stadt um ein Stockwerk erhöht würden. Dahlgrün: „Etwa 75.000 Wohnungen wären so möglich.“ Nach dem Vorliegen der Studie sei die Politik wach geworden „und progressive Änderungen in der Bauordnung werden angegangen.“ Beispielsweise nannte er den Verzicht auf den Einbau eines Aufzuges, die Möglichkeit, mit Holz zu bauen und den Ansatz, auf den Ausweis von zusätzlichen Stellflächen für Pkw zu verzichten.

Die Aufstockung sei auch aufgrund der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit eine Lösung. „Die Baukosten dafür sind auf den ersten Blick etwas höher, aber dafür entfallen die Anschaffungskosten für das Grundstück – sofern diese überhaupt durch Nachverdichtung oder Abriss vorhanden sind“. Aufstockungen seien deshalb nicht nur im gern gewählten Penthouse-Stil – mit entsprechend hohen Mieten oder Kaufpreisen - eine interessante Variante.

Dahlgrün: „Für mich steht fest: Neuen Wohnraum im großen Stil wird es in weiten Teilen Hamburgs nur noch auf Dächern geben.“ Es sei alternativlos, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Nur dann bleibt Wohnen in der Stadt sozialverträglich und beispielsweise auch ein Krankenpfleger kann in der City wohnen bleiben.“ Gelinge das nicht, werde eine städtische Grundversorgung auf Dauer nicht möglich sein.   

Im zweiten Teil zeigte Kiel Stadtbaurätin Grondke auf, wie in der Landeshauptstadt auf die Herausforderung der steigenden Mieten und wachsender Nachfrage reagiert werden soll. „Wir sind auf einem guten Weg, aber insgesamt sicherlich noch weit entfernt von der Hamburger Strategie.“ Es sei viel in Bewegung. Grondke: „Das Problem ist, dass es einige Jahre dauert, bis aus Planungen konkrete Projekte werden„Bauen und Schnelligkeit ist halt so eine Sache.“ Hier sei es Aufgabe, gemeinsam mit Bund und Land „Formalitäten zu reduzieren“.

Grondke berichtete über eine Vielzahl von Anstrengungen und Projekte, die bereits in der Umsetzung sind. „Wir gehen in die Offensive. Zielsetzung sind die Nachverdichtung, eine intensive Zusammenarbeit mit Umlandgemeinden und überarbeitete Kriterien für Baulandentwicklung mit dem Ziel, bezahlbaren sozialen Wohnraum zu schaffen.“ Aktuell werde so auch der Wohnungsbauatlas in der Version 2.0 vorbereitet.

Grondke setzt zudem auf einen intensiven Austausch mit den Fachleuten und den Bürgern Kiels. „Wir werden den Kieler Zukunftsdialog mit dem Schwerpunkt Bauen weiter entwickeln.“ Dabei stünden dann auch Fragen, wie das Wohnen in die Innenstadt zurückgeholt werden könne, die Holstenstraße entwickelt und insgesamt mehr Aufenthaltsqualität geschaffen werden könne, im Fokus.  Die Leiterin des Dezernates Stadtentwicklung und Umwelt schloß auch den Kreis zu den Überlegungen Hamburgs: „Auch wir müssen mehr als drei Geschosse ermöglichen, um der Flächenknappheit zu begegnen“. Es sei aus ihrer Sicht „natürlich, daß sich damit auch die Silhouette Kiels verändert.“/Holger Hartwig