18. November 2015
Die Sektion Segeberg diskutiert die massiven Herausforderungen in der Füchtlingspolitik
Qualifikation von Flüchtlingen und ihre Arbeitsmarktchancen
Eine Profilanalyse der Qualifikation unserer Flüchtlinge in Schleswig- Holstein tut Not, um deren Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt einschätzen zu können. Ohne ein klares Bild bleiben auch die notwendigen strukturellen Anpassungen im Dunkeln. Aus diesem Grund hat die Sektion Segeberg am 18. November 2015 Petra Eylander, die neue Beauftragte für Integration der Regio-naldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit eingeladen, um über erste Erkenntnisse zu berichten.
Petra Eylander zu Gast in der Sektion Segeberg / Foto: Wirtschaftsrat

Eylander stellte einleitend fest, daß sich der Arbeitsmarkt in Schleswig- Holstein im Oktober 2015 robust zeige, mit 57.600 offenen Stellen bei 92.800 Arbeitslosen. Gesucht würden zu vorderst Verkaufsberufe, Gesundheits- und Pflegeberufe sowie solche aus der Energie- und Elektrotechnik (siehe Graphik Top Ten). „Dies bildet sich auch in der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen ab, die insgesamt im Vergleich zum Vorjahresmonat betrachtet um 1.000 zurückgegangen ist. Hingegen ist die Arbeitslosigkeit der Ausländer im gleichen Zeitraum um 2.000 Menschen gestiegen, wobei zwei Drittel der Meldungen von Personen aus einem Asylzugangsland stammen. Das Institut füe Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt in seiner Szenariorechnung für 2016 im Mittel, daß mit ca. 4.500 zusätzlichen Arbeitslosen aus den Asylzugangsländern zu rechnen sei.

 

In diesem Kontext dürfe man jedoch nicht außer Acht lassen, daß durch den demographischen
Wandel von einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung in Schleswig-Holstein in den nächsten zehn Jahren um 88.000, in den nächsten 15 Jahren sogar um 198.000 auszugehen sei.“

 

Auch wenn zur Alters- und Bildungsstruktur bisher keine repräsentativen Daten vorliegen, waren über die Hälfte der Asylantragsteller im Jahr 2014 unter 25 Jahre alt, 81 Prozent unter 35 Jahre alt. Vor diesem Hintergrund bildet sich bei den Asylbewerbern eine Altersstruktur ab, die genau das durch die demographische Entwicklung entstehende Defizit auffüllen könnte. Allerdings würden die Qualifikationsniveaus überwiegend wohl nicht zueinander passen. Nicht reprä-sentative Stich proben signalisierten, daß knapp Dreiviertel der Asylbewerber aus Krisen- und Kriegsregionen für Helfer- und Anlerntätigkeiten in Be tracht kämen, während weniger als ein Fünftel eine berufsqualifizierende oder eine akademische Ausbildung mitbringen würde.

 

Marc Fellgiebel, berichtet dazu von Deutsche oder englische Sprachkenntnisse seien die große Ausnahme, dagegen sei bei knapp einem Drittel davon auszugehen, daß sie des Lesens und
Schreibens auch im Arabischen nicht mächtig sind. Jedoch sei durch alle Deutschkurse ersichtlich, daß eine enorme Lernwilligkeit und hohen Disziplin herrsche, nicht zu vergleichen mit
früheren Erfahrungen mit Migranten. Viele hätten sich für die Flucht verschuldet und möchten die Hoffnung ihre Familien nicht enttäuschen.


Eylander verweist zu den Chancen einer Arbeitsmarktintegration auf die Ergebnisse einer früheren Migrationsstichprobe, wonach diese in acht Prozent der Fälle im Zuzugsjahr gelang, bei
50 Prozent innerhalb von fünf Jahren und etwa 30 Prozent auch noch nach 15 Jahren nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt haben nur anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte. Asylbewerber und Geduldete unterliegen dagegen einem Arbeitsverbot in den ersten drei Monaten, bis zum 15. Monat gelte anschließend eine Vorrangprüfung für Inländer. Grundsätzlich zu beachten seien der gesetzliche Mindestlohn sowie die ortsüblichen Lohnniveaus für Fachkräfte. Mindestlohnfreie Praktika seien streng regle mentiert und bedürfen keiner Zustimmung der Bundesanstalt für Ar beit. Dreimonatige berufsorientierende Praktika böten derzeit eine gewisse Grauzone. Ein Ausbildungsplatz für einen Asylbewerber setze eine Arbeitserlaubnis voraus.

 

Eylander stellt abschließend fest, daß der Erfolg und die Geschwindigkeit der Arbeits-marktintegration von folgenden Faktoren abhängen:

  • Dauer der Asylverfahren
  • Sprachförderung
  • Feststellung von Qualifikationen
  • Investitionen in Bildung und Ausbildung
  • Klärung der Rechtsunsicherheit für Unternehmen
    Personelle Ausstattung der Arbeitsagenturen und Jobcenter

 

Für die Landesverwaltung in Schleswig-Holstein stellt Dirk Gärtner aus dem
Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein das Flüchtlingsmanagement vor. Bereits vor zwei Jahren, da mals noch in ruhigerer See, habe man zusammen mit den kommunalen
Spitzenverbänden ein Leitbild für die Zu wan derungsverwaltung entwickelt Ziel sei es jetzt, die Ausländerbehörde an den neuen Herausforderungen auszurichten. Erhellende Daten zur Struktur der Zuwanderer hatte Gärtner nicht zur Hand. Das Innenministerium könne für sein Lagebild auf die Daten anderer Ämter zurückgreifen. Konkret seien die Plätze in den  Erstaufnahmeeinrichtungen um 650 auf 12.500 angehoben worden. Bis zum Jahresende habe der Ministerpräsident 25.000 Plätze als Ziel angekündigt. Die Lan desregierung gehe derzeit davon aus, daß etwa 50 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland bleiben werden.


Anschließend diskutierten die Teilnehmer mit den Bundestagsabgeordneten Gero Storjohann MdB und Marc Helfrich MdB über notwendige Konsequenzen. Helfrich forderte einen massiven
Personalaufbau bei den Jobcentern Storjohann forderte die Bundesländer auf, bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nun endlich „auf die Tube zu drücken“. Karl-Josef Mondorf verweist auf die Diskrepanz der Flüchtlingsentwicklung mit den globalen Digitalisierungsszenarien, die im Einklang mit dem demographischen Schwund einen Rückgang
der Beschäftigung für Deutschland vorsehen. Christian Sowada, Sprecher der einladenden Sektion Segeberg, dankt den Referenten für ihre aufschlußreichen Berichte, die in die flüchtlingspolitische Meinungsbildung des Verbandes einfließen werden. Bei aller Vorsicht der
vorliegenden Daten zeichne sich aber bereits deutlich ab, daß 2.000 Praktikumsplätze die Situation nicht entschärfen werden, weshalb intensiv über neue Wege nachzudenken sei. Die Privatwirtschaft werde auch auf mittlere Sicht nur einen kleinen Teil über den Arbeitsmarkt integrieren können. BZ

Kontakt
Dr. Bertram Zitscher
Landesgeschäftsführer
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Schleswig-Holstein
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