31. Mai 2019
4. CXO-Event Sylt
Podium II: Erweiterte Realitäten - Chancen für die Arbeitswelt
VR und AR als Treiber für digitalen Wandel – Großkonzerne sind gefragt
VR und AR – das sind zwei Buchstabenkombinationen, die in den nächsten Jahren für Veränderungen in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft stehen werden. Erst vor wenigen Jahren mit einer speziellen Brille präsentiert, erobern Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) immer mehr die Arbeitswelt. Bevor drei Experten und der CDU-Bundestags-abgeordnete Joachim Pfeiffer (Waiblingen) auf dem Podium zu Risiken und Chancen dieser Treiber für den digitalen Wandel sprachen, gab Johann Hofmann, Gründer von valueFactoring Maschinenfabrik Reinhausen (Regensburg), einen Überblick über den aktuellen Stand der erweiterten Realitäten. Während VR über eine Brille eine komplett digitale Welt vor die Augen zaubere, mache es AR möglich, in reale Bilder und Situationen digitale Elemente einzubauen. Hofmann: „Schon bald werden wir mit unseren Augen nicht mehr unterscheiden können, ob ein Mensch echt ist oder eine Animation. Es wird den digitalen Zwilling geben“. Zudem werde die Brille, mit der der Mensch die virtuelle Welt wahrnehme, auch Gerüche erzeugen. „Wir stehen da erst am Anfang. Die Brillen haben bereits heute zehn Funktionen integriert“.
v.l. Ulrich Huggenberger, Dr. Joachim Pfeiffer MdB, Johann Hofmann, Prof. Dr. Thomas Klindt, Friedhelm Klingenburg und Martin Zimmermann / Foto: Wirtschaftsrat

Lust auf Täuschung wird zunehmen
Er erwartet, daß das virtuelle Erlebnis so echt wirkt, daß es „eine Lust auf Täuschung geben wird“. Beispielsweise könne in der Zukunft ein bettlägeriger Mensch die Welt bereisen, oder im Seniorenheim könne ein Mann seine verstorbene Frau vor sich sehen und mit ihr kommu-nizieren. Für den Einsatz in der Industrie reiche die Genauigkeit der Brille meist noch nicht aus, aber das ändere sich mit der nächsten Brillengeneration. „Und vielleicht wird ein Monteur in einigen Jahren aus der Ferne bei einer Reparatur vor Ort sogar über Daten und Bilder auf seiner Netzhaut angeleitet“, so Hofmann. Sein Motto bei allen Entwicklungen ist: „Nur wer neu-gierig ist, kann bewußt auch Nein sagen.“ Seiner Auffassung nach seien bei der erforderlichen Weiterentwicklung der virtuellen Realitäten die Großkonzerne gefragt. „Der Mittelstand wird am Ende froh sein, wenn das Datenmaterial für die Nutzung der Brille vorhanden ist.“

Noch zu wenig Akzeptanz
Moderator Prof. Dr. Thomas Klindt (Kanzlei Noerr, München) feuerte die anschließende Diskussion immer wieder durch provozierende Fragen an. Dabei stellte sich heraus, daß die Experten die großen Möglichkeiten der erweiterten Welten vor Augen haben, bis zum Einsatz im Alltag jedoch noch ein weiter Weg zu gehen ist. Für Ulrich Huggenberger, Geschäftsführer der XITASO GmbH (Augsburg), fehlt aktuell noch die Akzeptanz für den Einsatz der Brillen. Dies hätten Tests gezeigt. Er forderte, daß es in Deutschland mehr Bereitschaft für Risiko geben müsse. Mit Blick auf Fördergelder meinte er: „Geld für Innovationen zu bekommen, dauert sehr, sehr lange. Dann ist der Zug oft schon abgefahren.“

Die Jugend stärker einbinden
Für Martin Zimmermann, Geschäftsführer der imsimity GmbH (St. Georgen im Schwarzwald), ist der Schlüssel zum Erfolg neuer Techniken die stärkere Einbindung junger Menschen. „Der Zugang zu VR und AR wie auch zu anderen neuen Entwicklungen muß für die jungen Menschen leichter möglich werden.“ Mit seinem Unternehmen setze er seit Jahren auf die Einbindung von Schülern im Alter ab 13 Jahren. „Wir nutzen sie mit ihrem Blick, und sie können bei uns ihre Kompetenzen festigen. Wir fahren gut damit.“ Wenn es um den Einsatz von VR und AR gehe, plädiere er dafür, die Technik offensiver zu präsentieren. „Wir haben vor Jahren VR im Europa-Park gezeigt. Da glänzten die Kinderaugen und das Interesse, zu verstehen, was gezeigt wird, war riesengroß.“

Zu viele Verhinderer unterwegs
Überzeugt von den Chancen der erweiterten Realitäten ist auch Friedhelm Klingenburg, Geschäftsführer der Merz Dental GmbH, Lütjenburg. „Die Dentalwelt steht bei der Nutzung von VR und AR stehen noch ganz am Anfang.“ Bei den Kostenträgern seien viele Verhinderer unterwegs. „Die Kassen wollen immer alles belegt haben und fragen, was sie davon haben“. Er erkenne zwei weitere große Gegner bei der Digitalisierung – seine Mitarbeiter und seine Kunden. Seit vier Jahren sei er dabei, eine neue Struktur und Kultur im Unternehmen zu implementieren, damit „jeder Ideen einbringt und wir die Chancen besser nutzen.“

Mehr Vernetzung mit Universitäten
Mit Interesse verfolgte der Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer die Darstellungen der Unternehmer. Für ihn kommt es künftig immer mehr auf die Zusammenarbeit beispielsweise zwischen Wissenschaft und Unternehmen an. „Viele Innovationen bleiben  in Deutschland in der Schublade“, so seine Einschätzung. Es müsse darum gehen, durch Netzwerke Entwick-lungen besser und schneller an den Markt zu bringen. Zudem müsse es das Ziel der Politik sein, die Beratungsleistungen aus den Ministerien und die Vergabe von Fördergelder zu vereinfachen und zu beschleunigen. / Holger Hartwig