09. November 2017
Podiumsdiskussion der Sektion Dithmarschen im Hause der Evers Druck GmbH in Meldorf
Mit viel Unwissenheit in die Ungewißheit
In Zeiten von Dieselgate bekommt die Elektromobilität politischen Rückenwind. Doch weiß die Politik, was sie konkret erreichen möchte? Zweifel sind angesichts der technischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge angebracht.
Die Sektion Dithmarschen zu Gast bei Evers-Druck in Meldorf: Auf dem Podium v.l. Prof. Dr.-Ing. Holger Watter, Andreas Hein MdL, Sektionssprecher Knut Frisch, Matthias Wantia. Daneben der gastgebende Unternehmer Karsten Evers / Foto: Wirtschaftsrat

Prof. Dr.-Ing. Holger Watter von der Hochschule Flensburg merkt einführend an, daß er sehr für die Nutzung erneuerbarer Energien sei. Von Innovationen lebten die Ingenieure. Allerdings habe er zunehmend den Eindruck, daß Politik und Gesellschaft die physikalischen Nebenbedingungen und die wirtschaftlichen Auswirkungen aus dem Blickfeld verloren hätten. Für einen erfolg-reichen Systemwechsel müsse gelten: „Nie gegen die Physik und nie gegen den Markt. Beides scheint in den herrschenden Vorstellungen kaum noch gewährleistet.“, so Watter. Weder in den Schulen, in den Medien und schon gar nicht in der Politik unterscheide man Energie von Leistung. Bei den erneuerbaren Energien sei die tatsächliche Leistung regelmäßig nicht die Nennleistung, die bei Windrädern als Potentialgröße bei sieben bis acht Windstärken angenommen werde.

 

Das Fatale: Sie verhält sich zur Windstärke in der dritten Potenz, d .h. eine Halbierung der Windstärke bedeute nur noch ein Achtel der idealen Windausbeute. Gleiches gelte übrigens für den Strömungswiderstand eines PKW bezogen auf die Fahrgeschwindigkeit: Theoretisch benö- tigt ein Fahrzeug bei 140 km/h zwanzigmal mehr Energie als bei 50 km/h. Das sei relevant, weil die Energiedichte von herkömmlichen Kraftstoffen enorm hoch sei im Vergleich zu einer Batterie. Um ein Liter Diesel in einer herkömmlichen Autobatterie zu speichern, müßte man 150 Kilogramm Batterie im Auto deponieren. Preisfrage: Wieviel Leistung steckt in einer herkömmlichen Autobatterie (1 kWh), wenn man damit verlustfrei ein 10 Kilogramm-Gewicht in Höhe heben würde? 36 Höhenkilometer!

Sektionssprecher Knut Frisch fragt, was es für die touristischen Küstenorte bedeute, wenn plötzlich lediglich 10 Prozent der Fahrzeugflotte elektromobil anreisen würde und ihre Autos zum Bettenwechsel wieder aufladen möchten. Welche Infrastruktur brauchen die Verteilnetze, was kostet die Aufrüstung, und wer bezahlt das?

Andreas Hein MdL, seit kurzem energiepolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, verweist dazu auf die Ziele, die im Land und im Bund jetzt zu definieren seien. Aus Oslo, das mit seiner Wasserkraft deutlich bessere Rahmenbedingungen habe, sei kürzlich zu vernehmen gewesen, daß man die Ladesäulen für die zunehmenden Elektromobile nicht mehr ausreichend mit Strom versorgen könne. Für Schleswig-Holstein brauche man deshalb eine Raumplanung, die die Ausbauerfordernisse befriedigend vorklären könne. Mit acht Stunden Ladezeit würde die Elektromobilität am Markt vorbei planen.

Hanno Hinrichsen, Ingenieur und Unternehmer, der klassische Fahrzeuge in Elektromobile umrüstet, berichtet von technischen Durchbrüchen der Automobilindustrie. Batterien würden zukünftig deutlich günstiger und leistungsstärker, weshalb in wenigen Jahren mit einem Netz von ertüchtigten Schnellladestationen zu rechnen sei. Damit, so Frisch, würden die Herausforderungen für den Netzausbau weiter steigen.

Mattias Wantia, von der TenneT TSO GmbH, versucht einen positiven Ausblick. Bis zum Jahr 2030 könne man 40 Prozent der erneuerbaren Energien integrieren, für das Ziel im Jahr 2050, 100 Prozent erneuerbar zu gestalten, stünden dann allerdings keine Ausbaureserven mehr zur Verfügung. Hierzu gelte es, dickere Bretter zu bohren: Ein neues Marktdesign für den Strommarkt, Speicher und Sektorenkopplung nutzen sowie eine bessere Koordination von Erzeugung und Verbrauch organisieren.

 

Neue Kraftwerke zu bauen, helfe jedenfalls nicht weiter. Und auf die Frage, wo der zusätzliche Strom dann herkomme, kann Wantia nur auf die Nachbarländer verweisen. Frankreich, so Frisch abschließend, habe im Zuge des Klimagipfels in Bonn klargestellt, dass man seine Kernkraftwerke nicht abbauen werde./Holger Hartwig