20. Juli 2017
Stormarner Wirtschaftsforum im Schloß Tremsbüttel
Mit mehr Mut die Chancen des industriellen Internets nutzen
Welche Chancen bietet die Digitalisierung? Um diese Frage drehte sich das Stormarner Wirtschaftsforum, zu dem die Sektion Stormarn des Wirtschaftsrates Deutschland in das Schloß Tremsbüttel eingeladen hatte. Die Botschaft des Abends war eindeutig. Deutschland braucht eine neue Kultur mit mehr Mut zum Risiko und zur Freiheit, um bei der größten Veränderung seit der industriellen Revolution wettbewerbsfähig zu bleiben.
das Podium v.l.: Samuel Brinkmann, Norbert Brackmann MdB, Guido Schwartze, Thomas Losse-Müller und Norbert Basler / Foto: Wirtschaftsrat

Bevor auf dem Podium diskutiert wurde, setzte Norbert Basler, Aufsichtsratvorsitzender der Basler AG in einem kurzen Vor trag zur „digitalen Revolution als Chanc e“ erste Impulse . „Wir erleben die vielleicht umwälzendste Veränderung der Menschheitsgeschichte, die uns bisher erst schleichend im Alltag erreicht hat. Es wird am Ende kein Stein auf dem anderen bleiben“, so Basler, der kürzlich erst zum Präsidiumsmitglied des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) gewählt worden war.

 

Die künstliche Intelligenz werde sich als die entscheidende Technologie in allen Lebensbereichen erweisen. „Sie steht nicht im Wettbewerb mit dem Menschen, sondern soll ihn unterstützen und seine Fähigkeiten steigern.“ Bereits heute würden Computer und Maschinen die menschliche Leistungsfähigkeit bei der Erfassung und Auswertung von Daten in immer mehr Bereichen des Lebens weit übertreffen und langfristig nicht nur gering qualifizierte Arbeitskräfte ersetzen, sondern beispielsweise auch Steuerberater, Rechtsanwälte oder Diagnoseärzte. „Fast täglich entstehen neue Wettbewerber im Internet.

 

Es ist eine klare Tendenz zu einer immer schnelleren Zerstörung ganzer Branchen erkennbar.“ Aus seiner Sicht ergeben sich bei diesem Wandel für Deutschland große Chancen, „auch wenn wir den internetgestützten Wettbewerb um die Konsumenten augenscheinlich verloren haben.“ Es müsse darum gehen, die Chancen beim industriellen Internet zu nutzen. „Die Kombination unserer Stärken im Maschinenund Anlagenbau und unseren Ingenieursfähig-keiten mit dem Potential der Digitalisierung sind unsere Chance, unseren Wohlstand in das nächste technologische Zeitalter hinüberzuretten. Es gibt nichts, was wir nicht auch könnten.“ Dafür sei es wichtig, eine neue unternehmerische Haltung in der Gesellschaft zu erreichen. „Kapital und Know-how haben wir. Wir brauchen eine Haltung mit mehr Mut und Risiko-bereitschaft. Das ist unsere Chance, nicht als Verlierer der Digitalisierung vom Platz zu gehen.“, so Basler.

 

In der sich anschließenden Diskussion, die von Guido Schwartze als Mitglied der Landesfach-kommission Digitalisierung & Industrie 4.0 moderiert wurde, ging es vor allem um die Frage, welche Voraussetzungen in Schleswig-Holstein gegeben sind, um erfolgreich die Herausfor-derungen der Digitalisierung zu meistern. Thomas Losse-Müller, bis vor kurzem Leiter der Staatskanzlei der Albig-Regierung in Kiel und zuständig für die digitale Agenda des Landes, forderte dazu auf, sich mit einem stärkeren Selbstbewußtsein der Entwicklung zu stellen. „Wir haben die besten Voraussetzungen für die digitale Veränderung. Wir sind es gewohnt, daß Schleswig-Holstein als Acker nördlich von Hamburg angesehen wird.

 

Digital stimmt das nicht. Wir sind gut vernetzt und haben keinen Standortnachteil gegenüber anderen Regionen.“ Es gebe strukturell keinen Grund, nicht an den Erfolgen der Veränderung zu partizipieren. Politisch müsse es ein eindeutiges Bekenntnis geben, trotz eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten jetzt große Summen zu investieren, um die anstehenden Verände-rungen zu meistern.

 

Für Norbert Brackmann, CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Herzogtum Lauenburg und Stormarn-Süd und um die Jahrtausendwende beim NDR für die Digitalisierung verantwortlich, steht der Umgang der Menschen mit der neuen Technik im Vordergrund. „Unsere Gesellschaft ist zu einem großen Teil veränderungsfeindlich eingestellt. Es muß darum gehen, daß wir die Digitalisierung als eine neue Freiheit begreifen und die Chancen erkennen, statt von vorne herein Grenzen zu ziehen.“ Für ihn sei wichtig, daß die Politik für die notwendige Infrastruktur sorge und die Digitalisierung stütze ohne lenken zu wollen. „Wir dürfen nicht in den Markt eingreifen“, so Brackmann MdB. Auf Nachfrage aus dem Publikum machte er deutlich, daß die Förderung von Forschung und Entwicklung ein zentrales Thema sei. „Wir stehen kurz vor einer Lösung, wie wir hier steuerlich bessere Möglichkeiten für die Unternehmen finden.“

 

Norbert Basler zeigte sich überzeugt: „Technologie ist die Lösung für die Mega-Probleme der Welt“. Es sei eine kulturelle Frage, in der Gesellschaft, mehr Lust auf Technik zu wecken. Das gelte für Privathaushalte, Unternehmen und vor allem auch den Bildungsbereich. „Die Lehrpläne müssen in der Moderne ankommen. Ein Abiturient kennt heute die Gebissarten eines Hundes, hat dagegen jedoch viel zu wenig IT-Kenntnisse.“ Deutschland müsse sich sputen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Es ist deshalb wichtig, daß wir diejenigen gezielt fördern, die die Digitalisierung als neue Freiheit und persönliche Chance begreifen.“

 

Das Thema Bildung und Digitalisierung ist auch für Samuel Brinkmann, Gründer von Coding World, ganz entscheidend. Brinkmann hat gemeinsam mit einem Partner ein Internet-Portal aufgebaut, das kleine Hardware-Pakete vertreibt, um jungen Menschen für das Programmieren zu begeistern. Er ist überzeugt, daß neue Techniken die Chance bieten, das Lernen in der Schule, an der Uni und im Berufsleben stark zu individualisieren. „Wissensvermittlung geht heute digital, und wir müssen für mehr Praxisnähe und internatio- nalen Austausch sorgen“, so der Jungunternehmer.

 

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer in der Frage, daß es in den nächsten Jahrzehnten eine schwierige Aufgabe für den Staat werde, den richtigen Rahmen für den Umgang mit und die Sicherheit von Daten zu schaffen. Hier werde es mit Blick auf die Daten jedes einzelnen Menschen viele Fragen in der Abwägung von Nutzen und Risiken zu beantworten geben. Losse-Müller plädierte dafür, in dieser Frage „alle ideologischen Aspekte auszu-blenden.“/Holger Hartwig