08. April 2014
Krankenhaus-Infrastruktur der Zukunft - Chancen für das Gesundheitsland Schleswig-Holstein
Podiumsdiskussion der Sektion Schleswig/Flensburg in der Akademie Sankelmark
„Wir vernachlässigen, dass wir im Bereich der Kommunikation große Versäumnisse haben – die Medizin ist längst digital, die Kommunikation noch analog“, gab Dr. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und der Bundesärztekammer, zu bedenken. Bartmann war Gast der Veranstaltung in der Akademie Sankelmark zum Thema „Krankenhaus-Infrastruktur der Zukunft“ auf Einladung des Wirtschaftsrates.
v.l. Oberbürgermeister Simon Faber; Dr. Heiner Garg MdL; Moderator Joachim Pohl (sh:z); Prof. Dr. Roland Trill und Karl-Heinz Vorwig (Foto: Wirtschaftsrat)

In der Diskussionsrunde: Professor Dr. Roland Trill, Leiter des Instituts für „eHaelth und Management im Gesundheitswesen“ der Fachhochschule Flensburg, Simon Faber, Oberbürgermeister der Stadt Flensburg, Dr. Heiner Garg MdL, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein und Karl-Heinz Vorwig, Kaufmännischer Vorstand in der Diakonissenanstalt Flensburg. Letztere plant Investitionen in Höhe von 85 Millionen Euro in ein Neubauvorhaben. Eine sinnvolle Investition angesichts eher rückläufiger Landesmittel?


Zunächst gaben Trill und Vorwig Einführungsreferate zur Situation der Krankenhäuser des Landes. So sinke deren Anzahl mäßig, aber kontinuierlich, ebenso die Bettenzahl und die Verweildauer der Patienten. Allerdings: die Fallzahlen stiegen, der Personalbedarf ebenso.
Das bedeute finanzielle Mehrbelastungen, doch Mittel, auch und gerade öffentliche, dürften in Zukunft ebenso knapp zur Verfügung stehen wie bereits in der jüngsten Vergangenheit.

 

Die Folge: Besondere und aufwendige Operationen könnten nur noch in großen Krankenhäusern gemacht werden. Der Patient habe zunehmend kein Problem, dafür auch 50 bis 100 Kilometer zu fahren. Das bedeute gleichzeitig: Viel Konkurrenz für die Einrichtungen. Trill: „Der Bürger sollte nicht dem Krankenhaus hinterherfahren müssen, sondern sich auch auf eine Rundumversorgung in der Nähe seines Wohnortes verlassen können.“ Die Versorgung solle dort möglich sein, wo der Mensch zuhause sei. Eine Lösung dafür: der Einsatz moderner Technologie.

Schon jetzt würden sich 79 Prozent der Menschen in Deutschland im Internet über Gesundheitsfragen informieren, 55 Prozent vertrauten den Aussagen von Ärzten im Internet, ein beachtlicher Teil von ihnen sogar mehr als ihren Hausärzten. 17 Prozent würden es sogar vermeiden, zum Arzt zu gehen.


Eine Vernetzung aus technischer und organisatorischer Sicht sei also unverzichtbar. Schlussfolgerung: Die Prozesse müssten vor der Bauplanung eines Krankenhauses festliegen. Das müsse über eine flexible Raumplanung verfügen, keine „Grüne-Wiesen-Planung“, eine Mitarbeiter orientierte Personalführung sei ebenso notwendig wie ein ausgereiftes Technologie- und Risikomanagement.


In 55 Plan-Krankenhäusern in Schleswig-Holstein sind nach Aussagen von Vorwig 838.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Investitionen trage die öffentliche Hand, die Betriebskosten müssten die Krankenhäuser selbst erwirtschaften. Die Diakonissenanstalt arbeitet eng mit dem Malteser-Krankenhaus zusammen, und das ohne Überschneidungen. „So lassen sich enorme Kosten sparen“, erklärt Vorwig. Und gibt ein paar Zahlen: 37000 stationäre Fälle, 2150 Mitarbeiter, 915 Betten. 500 Hubschrauberanlandungen. Aber eine verschachtelte und alte Gebäudesubstanz aller Baujahre von 1883 bis 2002.

 

Die Idee eines Neubaus auf der grünen Wiese wurde verworfen, weil das Malteser-Krankenhaus nicht umziehen wollte. Nun wird auf dem bestehenden Gelände geplant, und Oberbürgermeister Simon Faber setzt auf Pragmatismus. „Nutzen wir die vorhandene Infrastruktur und ergänzen sie durch sinnvolle Investitionen“, so seine Forderung.
Um eine gewisse Zentralisierung komme man nicht herum, so Dr. Heiner Garg. Flensburg besitze über die Diako und Malteser eine Strahlkraft weit über die Grenzen hinaus. „Die Bedeutung solcher Häuser nimmt zu“, so Garg, die Frage allerdings sei: „Bringt eine Landesregierung den Mut auf, einen solchen Solitär finanziell zu unterstützen?“

 

Die Idee sogenannter Patientenhotels für die medizinische Nachsorge der Patienten und zur Unterbringung deren Angehöriger könnte ein weiterer Baustein sein, eine Zentralisierung zuzulassen und die Kosten – vor allem die Personalkosten – im Rahmen zu halten.kp