30. September 2017
Delegationsreise des Jungen Wirtschaftsrates vom 30.9. - 4.10.2017
Junger Wirtschaftsrat besucht Moskau
Mit einer zwölfköpfigen Delegation hat der Junge Wirtschaftsrat vier Tage lang mit insgesamt 13 Programmpunkten die deutsch-russischen Beziehungen beleuchtet und vorbereitende Gespräche für ein Partnerschaftsabkommen mit der Region Voronesh geführt. Im Mittelpunkt standen die Landwirtschaftspolitik und der Ansatz eines russischen Agrar-Akzelerators zur Förderung des Unternehmertums.
Die Delegation des Jungen Wirtschaftsrates in der moskauer Metro / Foto: Wirtschaftsrat

Politische Stiftungen
Der Junge Wirtschaftsrat Schleswig-Holstein besuchte im Rahmen seiner diesjährigen Delegationsreise die russische Hauptstadt. Zum Auftakt begrüßte uns am Sonnabend unmittelbar nach der Anreise Julius von Freytag-Loringhoven, der Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Russland in Begleitung seiner charmanten Gemahlin Jakobine in einem neuen, hochmodernen Restaurant und gab uns erste Eindrücke von der russischen Metropole und der politischen Lage in Russland. Der Krim-Konflikt, der die Sanktionen auslöste, werde in Russland kontrovers diskutiert, die Einzelmeinungen der Bürger seien differenziert und so werde diese Diskussion eher gemieden.

 

Über die fehlende Durchschlagskraft der Sanktionen sei man sich jedoch weithin einig. In dem größten Land der Welt, in dem ca. 70 Prozent der 140-Millionen-Bevölkerung unter Hartz IV-Niveau zurechtkommen müßten, schaffe die landeseigene Landwirtschaft derzeit ein Allzeithoch, bedingt durch die Gegensanktionen, die für viele Nahrungsmittel eine Einfuhr verbiete. Die Ausweitung der heimischen Produktion betrachte man mit Stolz, obgleich damit ein Anstieg der Milchpreise um 20 Prozent und eine Verknappung von Käse die Folge seien. Die Not werde zur Tugend: Neue Weichkäsekreationen mit Anteilen von Palmöl aus fragwürdigen Quellen lassen in Supermärkten keinen Mangel erscheinen, sondern werden vielmehr noch als Triumph über die gescheiterten Restriktionsversuche reklamiert. Nach den angeregten Restaurantgesprächen folgte ein gemeinsamer Clubbesuch, der zeigte, woran es in Russland auf jeden Fall nicht mangelt: Schönheit, Lebensfreude und Extravaganz.

Nadine Sydow

 

 

Russisch-orthodoxe Kirche
Am Sonntag stand eine Teilnahme am Gottesdienst in der Moskauer Kirche des  Heiligen Nicolai auf den drei Hügeln sowie einem anschließenden Gespräch mit dem zuständigen Leiter für Gesellschaft und Öffentlichkeit der russisch-orthodoxen Kirche Vater Dimitri auf dem Programm. Das Verständnis und die Interpretation der Rolle der russisch-orthodoxen Kirche sowie ihrer Gläubigen ist notwendig, um die gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart in Russland verstehen zu können.

 

Die russisch-orthodoxe Kirche weist eine über 1000 jährige Geschichte auf. Die Herrscher der Kiewer Rus empfingen 988 n. Chr. die Taufe. Dies bildet den Beginn der Christianisierung der Rus nach dem Vorbild des griechisch-orthodoxen Christentums. Besonders während der Tatarenherrschaft wurde das Zusammenwachsen der Fürstentümer der Rus unter Moskauer Führung durch den einigen den Glauben vorangetrieben. Gleichzeitig grenzte sich das Kiewer Reich durch die Annahme des Christentums griechisch-orthodoxer Glaubensrichtung vom lateinisch geprägten Abendland ab. Diese religiöse Grenze führte zu einer Eigenentwicklung der ostslawischen Kultur.

Die russisch-orthodoxe Kirche versteht sich bis in die Gegenwart als Kirche für über 136 Völker, weit über die Grenzen des heutigen Russlands hinaus. Insbesondere begründet dies die religiöse Untrennbarkeit der Kirche in den Staaten Russland und der Ukraine unter einem gemeinsamen Patriarchat. Diese Trennung sowie der Konflikt in der Ukraine werden vor diesem Hintergrund von Vater Dimitri als besonders schmerzhaft beschrieben. Die Oktoberrevolution von 1917 führte zur Aufhebung der zaristischen Einheit von Kirche und Staat sowie weitgehender religiöser Vorrechte.

 

Das Eigentumsrecht an Kirchen und Klöstern wurde aufgehoben und verstaatlicht. Diese Gebäude wurden profan umgenutzt oder abgerissen. Viele dieser Gebäude wurden während der Sowjetunion beispielsweise als Getreidespeicher verwendet. Die materielle Grundlage für das Bestehen der Kirche wurde entzogen. In den frühen Jahren der Sowjetunion gab es massive Christenverfolgungen sowie Massenhinrichtungen und Deportationen in den Gulag unter Lenin und Stalin. Vater Dimitri verweist auf einen Besuch der Gedenkstätte, in der 30.000
Opfern dieser Verfolgung gedacht wird.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche wieder eingeschränkt geduldet, stand aber unter strenger staatlicher Kontrolle und hatte stets mit Unterdrückungsmaßnahmen zu rechnen. Der russisch-orthodoxe Glaube wurde nur noch von wenigen und vorwiegend älteren Menschen praktiziert. In Russland war nach Vater Dimitris Ausführungen bereits ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Staat im Zuge der Vorbereitungen zur 1000-Jahr-Feier 1988 deutlich geworden.

 

Die russisch-orthodoxe Kirche erlebte nach dem Niedergang der Sowjetunion eine Wiederbelebung. Nach Aussage von Vater Dimitri suchten die Menschen nach dem Zerfall und den Wirren des postsowjetischen Systems insbesondere nach Halt und Stabilität. In diesem Zusammenhang wird von einer „Wiedergeburt“ und einem „Wunder“ gesprochen. Die Mitgliederzahlen stiegen wieder auf 150 Millionen Mitglieder, von denen 10 Prozent als strenggläubig zu beschreiben sind. Die Teilnehmer des besuchten Gottesdienstes sind im Vergleich zu den Gottesdiensten in Mitteleuropa sehr jung, die Teilnahme von Politikern mit ihren Familien obligatorisch.

Im Jahr 2006 wurde der Religionsunterricht in russischen Schulen wieder eingeführt. Die russisch-orthodoxe Kirche plädiert auch für eine Stärkung des russischen Staates und eine Entwicklung von nationalen geistigen Werten. Die Finanzierung der Kirche erfolgt traditionell über Spenden der Gläubigen an die Kirche. Im November 2010 verabschiedet die russische Duma ein Gesetz zur Rückgabe von enteignetem Kircheneigentum.

Harmen Mehrdorf

 

 

Vision Lissabon-Wladiwostok
Der Besuch bei der Scheider-Group war nicht nur unternehmerisch interessant, sondern zugleich politisch visionär. Der Unternehmensgründer Ulf Schneider stammt nicht nur aus Schleswig-Holstein, sondern hat auch in Kiel studiert und in weniger als zwei Jahrzehnten eine Unternehmensgruppe mit inzwischen 500 Mitarbeitern aufgebaut. Die Scheider-Group betreut internationale Firmen beim Markteintritt und der Expansion in Russland, Kasachstan, Weißrussland, der Ukraine, Polen und Deutschland, wozu das Spektrum neben der Beratung auch Buchhaltung, Steuerberatung, Import und Verzollung, ERP-Systeme bis hin zur Unterstützung in juristischen Fragen mit Schwerpunkt Arbeits- und Gesellschaftsrecht reicht. Im Zuge dessen ist sie auch Partner unserer WTSH, die schleswig-holsteinische Unternehmen besonders unterstützt. Doch damit nicht genug. Der Unternehmer hat vor knapp zwei Jahren zunächst die Mehrheit und dann komplett den owc-Verlag für Außenwirtschaft übernommen, der als wichtigstes deutschsprachige Publikationsorgan über Ostund Mitteleuropa sowie Asien informiert, u.a. mit den Zeitschriften OstContact, IranContact und AsienPazifik.

Schneiders Impulsvortrag offenbart ihn jedoch nicht nur als mutigen Unternehmer, sondern auch als intensiven wirtschaftspolitischen Beobachter. Er betont die Aufwärtstendenzen des russischen Wirtschaftsraumes. Die Krise im Jahr 2013 habe zwar zur Konsolidierung der ca. 6.000 deutschen Unternehmen und zu Einbrüchen bei den Direktinvestitionen geführt, aber seit dem letzten Jahr gehe es wieder bergauf, bedingt auch durch die Lokalisierungspolitik, die besondere Anreize für Ansiedlungen gewähre. Bemerkenswert sei auch die Verbesserung Russlands im Weltbank-Rating für geschäftliche Tätigkeit, wo das Land sich seit dem Jahr 2010 von Platz 120 auf den Rang 40 vorgearbeitet habe, während Deutschland von 17 auf 25 abgerutscht sei. Die Ursachen dafür sieht er in den durchgreifenden Reformen, die vor über zehn Jahren zu einer radikalen Entbürokratisierung und damit auch zu einem Rückgang von Korruption geführt habe. Insofern sei das größte Problem der deutschen Unternehmen derzeit nicht staatliche Willkür, sondern Unsicherheit hinsichtlich des Rubelkurses, der allein vom Weltölpreis abhänge. Erbaulich sei, daß die Inflation jüngst auf aktuell 3,3 Prozent drastisch zurückgegangen sei, was auch zur Senkung des Leitzinses auf 8,5 Prozent geführt habe.

Dieser sei freilich immer noch so hoch, daß sich mehrjährige bankenfinanzierte Projekte nur schwer rechnen würden. Scheider sieht natürlich auch mit großer Sorge das politische Auseinanderdriften der beiden großen europäischen Wirtschaftsräume und verweist auf die Gründung der Europäisch-Asiatischen Wirtschaftsunion, die ab 2018 einen zollfreien Raum mit vier Nachbarländern nach dem Vorbild der Europäischen Union entwickelt. Langfristig wäre es wünschenswert, wenn dieser Binnenmarkt zusammen mit der Europäischen Union eine Freihandelszone bilden würde, von Wladiwostok bis Lissabon. Für dieses Projekt setze er sich auch persönlich ein, mit Erfolg, denn inzwischen seien 16 Verbände der Arbeitsgruppe beigetreten.

Lars Osterhoff

 

 

Deutsche Botschaft
Zur Einstimmung auf die wirtschaftliche Situation Russlands und die Entwicklung der Landwirtschaft, korrespondierend mit dem Anliegen der Reise, gab es einen Termin mit den Abteilungsleiter Wirtschaft Thomas Graf und dem Referatsleiter Landwirtschaft Dr. Hinrich Snell der Deutschen Botschaft in Moskau. Nach einem Überblick über die wirtschaftliche Situation und der entsprechenden Kenndaten wurde die Entwicklung der Landwirtschaft näher erläutert: Nach der Verhängung der Sanktionen der Europäischen Union als Reaktion auf die Konflikte in der Ukraine gab es russische Gegensanktionen. Diese sahen u.a. ein Importstopp von Lebensmitteln und Agrarprodukten aus der EU vor. Diese Gegensanktionen wurden aber mit dem Ziel verhängt, die Produktivität der russischen Landwirtschaft so zu erhöhen, daß damit eine weitgehende Selbstversorgung Russlands sichergestellt werden kann. Nach Einschätzung der Fachleute sollen diese Gegensanktionen nicht sofort nach Ende des Embargos aufgehoben werden. Es wird vielmehr eine Selbstversorgung Russlands angestrebt, so daß ein Export landwirtschaftlicher Produkte nach Russland zukünftig mit anderen bürokratischen Mitteln rechnen könne.

Als Folge der Substitution ausländischer Produkte kam es zu Konzentrationsprozessen in der Landwirtschaft und einem enormen Wachstum von Agrarholdings. Eine der größeren hat ihre Fläche in kurzer Zeit von 250.000 ha auf 450.000 ha vergrößert. Das entspricht ca. der 1,7-fachen Fläche des Saarlandes. Die größte Holding soll rd. 1,0 Mio. ha in Bewirtschaftung haben. Diese Holdings betreiben zunehmend die gesamte Wertschöpfungskette von der Landwirtschaft bis zum Großhandel. Erreicht wurde damit eine Versorgung mit den wesentlichen Agrarprodukten.

 

Bei der Milchproduktion klafft allerdings gemäß der offiziellen Zahlen eine Versorgungslücke von jährlich 7,0 Millionen Tonnen, die nur teilweise durch Importe aus u.a. Weißrussland gefüllt würden. Der Rest wird durch die Verwendung fremder Fette wie z.B. Palmöl bei der Käseherstellung, aber auch durch illegale Importe ersetzt. Flankiert werden diese Konzentrationsprozesse von Aussagen der Politik, die die Kleinbauern mit ihren Flächen von weniger als 0,7 ha und der Haltung von 1-2 Kühen, ein paar Hühner, Schweinen und dem Anbau von Obst und Gemüse usw. als nicht mehr zeitgemäß ansehen. „Wir wollen die Kleinbauern von ihrer Last befreien“. Wenn man sich allerdings vor Augen führt, daß diese mit ihrer Arbeit einen Versorgungsgrad Russlands bei der Milch von 44 Prozent und bei Obst und Gemüse von 65 bis 75 Prozent erreichen, scheint dieses Ziel kurzfristig nicht umsetzbar.

Bei der Agrartechnik gibt es einen erheblichen Investitionsbedarf, da die Maschinentechnik veraltet sei. Über 65 Prozent der Traktoren seien älter als zehn Jahre, bei den Mähdreschern solle es noch schlechter sein. Als Folge davon sei die Produktivität nicht besonders hoch, so daß mit dem Einsatz moderner Technik noch erhebliche Potentiale gehoben werden könnten. Die Modernisierung kann aber nicht mit den Maschinen der einheimischen Hersteller erfolgen, da deren Technik ebenfalls veraltet sei. Produktionsstätten deutscher Hersteller wie z.B. Claas hätten dagegen mit starken Hindernissen seitens der Bürokratie zu kämpfen. Insgesamt läßt sich feststellen, daß die Gegensanktionen zu einem deutlichen Preisanstieg bei den Agrarprodukten geführt haben. Das Gegenembargo wird dagegen als Förderinstrument der Stunde für den Sektor Landwirtschaft gesehen.

Henning Becker

 

 

Deutsch-Russische Auslandshandelskammer
Sebastian Kiefer, Leiter Abteilung Gouvenment Relations der Deutsch-Russischen Auslands-handelskammer (AHK) und Hans-Jürgen Wittmann, Geschäftsführer der German Trade and Invest (GTAI) empfingen die Unternehmer am vorletzten Morgen der Reise. Mit über 800 Mitgliedern ist die AHK die mit Abstand größte Wirtschaftsvertretung für ausländische Unternehmen (70 Prozent deutsche Firmen) in Russland. In zwanzig Komitee- und Arbeitsgruppen würden unter anderem die Themen Digitalisierung, Lokalisierung und Mittelstand, aber auch die Expansion der Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) behandelt. Die EAWU, ein sich nach dem Vorbild der EU entwickelnder Zusammenschluss aus Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland und Weißrussland verhandelt zurzeit mit Tadschikistan über den Beitritt – weitere Länder hätten bereits Interesse bekundet.

Hans-Jürgen Wittmann bestätigte in seinem Vortrag über die makroökonomische Lage in Russland ebenfalls die stetige Entwicklung und das langsame Erstarken der EAWU. So fiel auch das Fazit zu den gegen Russland verhängten Sanktionen eher nüchtern aus – nach anfänglichen Sorgen hätte sich die deutsche Wirtschaft mittlerweile gut auf die Situation eingestellt. Bedrohlich erschienen dagegen die jüngst in den U.S.A. beschlossenen und noch gar nicht ausformulierten Sanktionen, die überwiegend auf den russischen Energiebereich zielten und vor allem die deutsche Industrie in große Schwierigkeiten bringen könnten. Negativ wurde zudem die russische Strategie „Made in Russia“ beurteilt, die für Maschinen einen hohen russischen Wertschöpfungsanteil fordere. Durch solche protektionistische Maßnahmen drohe eher ein Abfallen der Wettbewerbsfähigkeit der russischen Wirtschaft als ihr Erstarken.

Lennart Wichelmann

 

 

Europainstitut
Bei der Akademie der Russischen Wissenschaft begrüßte Dr. Vladislav Belov, stellvertretender Direktor des Europainstitutes, die Delegation des Jungen Wirtschaftsrates. Mit dabei waren weitere Mitglieder der Institutsleitung, Doktoranden und Studenten. Fast zwei Stunden tauschte man sich, unterstützt durch Simultanübersetzer, zur Lage der deutsch-russischen-Beziehungen aus. Das anstehende Jamaika-Bündnis in Berlin wird auf russischer Seite sehr skeptisch bewertet. Gerade die Grünen könnten eine Belastung für die Deutsch-Russische Freundschaft werden. Die Energiewende stehe im Gegensatz zu den russischen Zielen, Gasexporte nach Deutschland auszuweiten. Besonders intensiv wurde auch die Rolle der AfD beleuchtet. Angela  Merkel als Garant für Stabilität in Europa wird durch populistische Tendenzen nicht nur in Deutschland in ihrer Position geschwächt, war die Meinung der Teilnehmer.

Ein weiteres wichtiges Thema in der Diskussion war der Gründergeist und die Bereitschaft von jungen Unternehmern, eigene Geschäftsideen in Russland zu realisieren. Russland stehe ganz am Anfang der Entwicklung einer StartUp-Szene. Kleine und mittelständische Unter-nehmen hätten es schwer, sich auf dem russischen Markt gegen große russische Unter-nehmen zu behaupten. Es fehle im Moment an politischer Unterstützung und wirtschafts-politischer Struktur, Unternehmertum in der Breite zu entwickeln, auch wenn hier bereits ein Umdenken einzusetzen scheint.


In diesem Sinne empfahl der Junge Wirtschaftsrat, das Umdenken durch Vordenken in den wissenschaftlichen Instituten zu fördern. Die technologischen Veränderungen, angetrieben durch den Geist insbesondere von Unternehmensgründern, würden in den U.S.A. und nun auch in Europa zunehmend systematisch von Konzernen gefördert, um von ihnen zu profitieren. Russland habe zwar hervorragend ausgebildete, junge Menschen, insbesondere im Bereich der Programmierung, aber die Großunternehmen würden dieses Innovations-potential nicht systematisch nutzen. Der Junge Wirtschaftsrat empfahl eine Studie über Akzeleratoren und Inkubatoren und ihre Bedeutung für Innovationen durch StartUps.

Tobias Loose MdL

 

 

Erfahrungen deutscher Geschäftsleute in Russland
Am dritten Abend stand der Erfahrungsaustausch mit deutschen Geschäftsleuten beim Abendessen im Restaurant Voronesch auf dem Programm. Gesprächspartner waren Alexis Platonov, Vertriebschef und Mitglied der Geschäftsleitung, ERGO Russia, sowie Patrick Pohlit LL.M., Rechtsanwalt und Steuerberater, der zudem als Vorstandsmitglied der Deutsch-Russischen AHK und dort Vorsitzender des Komitees für Steuern, Rechnungslegung und Controlling wirkt.

Das Restaurant zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus. Erstens biete es Spezialitäten aus der Landwirtschaft von Voronesch feil, wozu beispielsweise besonders hochwertig gemasertes Rindfleisch in der Auslage im Erdgeschoß zu besichtigen war. Zum zweiten steigt die Exklusivität der Räumlichkeiten mit jedem Stockwerk. Der Junge Wirtschaftsrat tafelte in der zweiten Etage, wobei unklar blieb, wieviel Stockwerke sich noch darüber befinden. Inhaltlich gab es nach der obligatorischen Vorstellungsrunde eine Reihe von Fragen an die beiden Gäste in der Runde, die nur zum Teil auf die Chancen einer Umsetzung eines russischen Agrar-Akzelerators abzielten. So nutzte ich die Gelegenheit zu prüfen, ob mein geplantes StartUp sich zusammen mit einem Versicherungsprodukt der ERGO vertreiben ließe.

 

Und auch die russische Kultur der Trinksprüche durfte nicht zu kurz kommen, wobei Olaf Birkners fesselnde Ansprache über die tägliche Lust eines Unternehmers eindeutig den Tagessieg verbuchen konnte. Spätestens da war das Eis gebrochen, so daß Platonov sich spontan bereiterklärte, der Gruppe mit dem Angebot von hippen Bars der pulsierenden Metropole vertraut zu machen. In Erinnerung bleibt ein eindrucksvoller Abend, in der nicht nur im deutsch-russischen Sinne Freundschaften entstanden sind.

Finn Plotz

 

 

Gebietsregierung Woronesch
In der Moskauer Repräsentanz des russischen Verwaltungsbezirks Woronesch traf der junge Wirtschaftsrat die stellvertretende Gouverneurin Elena Fadeeva in Begleitung des Wirtschafts- sowie des Agrarministers des Gebiets. Der Bezirk im Südwesten Russlands etwa 500 Kilometer von Moskau entfernt, zählt zu den Top fünf Agrarregionen des Landes. Die gleich lautende Hauptstadt zählt mit ca. 1,2 Millionen Bürgern etwa die Hälfte der Bezirksbewohner. Der Agrarminister zeigte beeindruckende Wachstumszahlen der landwirtschaftlichen Produktion des Bezirks und betonte die hohe Bedeutung des Wirtschaftszweiges im Kontext des Handelsembargos gegenüber Russlands im Rahmen internationaler Spannungen.

Die Märkte Russlands seien gefüllt, das Embargo verfehle aufgrund der hohen Eigenleistung der russischen Landwirtschaft sein Ziel. Einzig bei Milch und Käse müsse man von den internationalen Märkten erheblich zukaufen. Hier sei vor allem Käse aus der Schweiz genannt, der im großen Stil importiert werden würde. Den erwartungsvollen Blicken der Regierungs-vertretung, über Ideen bezüglich Innovationen in der Landwirtschaft konnte der Wirtschaftsrat mit dem Konzept des Agrar-Technologie-Accelerators überzeugend begegnen: Die Region Woronesch eignet sich durch die vorhandene Agrarwirtschaft hervorragend für ein solches Programm. Während sich die StartUp-, Risikokapital- und Innovationsszene in Europa und Nordamerika mit rasch beschleunigender Dynamik zeigt, scheint in Russland vor allem das Risikokapital weitgehend zu fehlen, was nach Ansicht der Wirtschaftsratsvertreter für ein Industrieland wie Russland kritisch werden könne. Die Eigenständigkeit einer Landwirtschaftsindustrie müsse letztlich auch durch technologische Wettbewerbsfähigkeit getragen werden. Und hier würde Russland eher zurückfallen, was nicht zuletzt an der geringen Anzahl von StartUp-Akzeleratoren zu erkennen sei.

Über den Start eines gemeinsamen Projektes bleiben die Vertreter im Gespräch, auch beim für Ende November geplanten Besuch Schleswig-Holsteiner Regierungsvertreter zur Vorbereitung der Partnerschaft zwischen den beiden Agrarregionen. Die Vertreter Woroneschs ließen sich die Chance nicht nehmen, ihre Gäste am Ende des Treffens mit einem reichen Buffett an Spezialitäten der Region zu begeistern. Den Hinweis auf das exzellente Restaurant „Voronezh“ in Moskau indes hätten die Besucher nicht gebraucht, hier tafelten sie bereits mit ähnlicher Begeisterung am Vortag.

Olaf Birkner

 

 

EkoNIva – Unternehmergeist in Russland
Im Gespräch mit Adrian Schairer, Assistenz der Geschäftsführung der EkoNiva, lernte die Delegation des Jungen Wirtschaftsrates ein einprägendes Beispiel eines erfolgreichen Unternehmens der russischen Landwirtschaft kennen: Der deutsche Geoökologe Stefan Dürr gründete das Unternehmen EkoSem-Agrar im Jahr 1993 und begann zunächst mit dem Import und Vertrieb von Saatgut und Landmaschinen. Heute ist das Landmaschinengeschäft in der EkoNivaTechnika zusammengefaßt. Das Unternehmen ist mittlerweile der größte Land- maschinenhändler Russlands. 2001 stieg der Unternehmer in das Agrar-Geschäft ein. Die EkoNivaAgro wurde gegründet und hat sich aus der Region Woronesch inzwischen zum größten Milcherzeuger Russlands entwickelt, mit einem Bestand von ca. 78.500 Rindern, davon etwa 34.500 Milchkühe.


Ihr Marktanteil bei der Milcherzeugung liegt allerdings immer noch unter einem Prozent. Außerdem gehören zu dem Unternehmen ca. 230.000 Hektar bewirtschaftete Fläche. Das entspricht etwas mehr als 35 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Schleswig-Holsteins. Das Unternehmen will weiter wachsen. Doch nicht nur die Größe des Unternehmens und die daraus resultierende Bedeutung für die russische Wirtschaft hat die Teilnehmer der Delegationsreise beeindruckt (die EkoNiva wird übrigens unter in den TOP 200 der strategisch wichtigsten Unternehmen des Landes gelistet). Sondern auch Zukunfts-gewandtheit und mutige Kreativität, die vor allem den Gründergeist der Teilnehmer befriedigen: Die EkoNiva expandiert nicht nur in der horizontalen Ebene, sondern auch in der Vertikalen. So werden die Ställe und Melkanlagen selbst entworfen und gefertigt.

Außerdem wurde eine Milchverarbeitungsstätte eröffnet, die den Einstieg in die Produktion von Käse und anderen Milcherzeugnissen markiert. All diese technische und betriebswirt-schaftliche Expertise wird in der eigenen Akademie herausgebildet und gefördert. Die EkoNiva ist und bleibt, trotz deutschen Gründers, ein russisches Unternehmen. Das soll heißen: Der Erfolg der EkoNiva hängt auch mit den guten Beziehungen zu der Regionalverwaltung in Woronesch zusammen. Der Gouverneur, Alexej Gordejew, ehemaliger Landwirtschaftsminister Russlands, möchte seine Region positiv entwickeln.

 

Auch das soziale Engagement der EkoNiva in der Region Woronesch trägt dazu bei, diese Beziehung zu pflegen. Adrian Schairer hielt der Delegation des Jungen Wirtschaftsrates vor Augen, daß ca. 30 Prozent der Investitionskosten für neue Projekte von der öffentlichen Hand übernommen werden würden. Außerdem finanziere die Regionalverwaltung den Ausbau der Infrastruktur und ermögliche einen schnellen Zugang zu Baugenehmigungen. Vor allem Letzteres ist ein herauszuhebendes Privileg: Laut des Doing Business Indizes der Weltbank belegt das Land in punkto Baugenehmigungen im internationalen Vergleich gerade einmal Platz 115 von 190.

Abschließend läßt sich sagen, daß der Unternehmergeist des Stefan Dürr in der Größe und Dynamik der EkoNiva deutlich zu spüren ist. Gerade für die Region Woronesch ist das Unternehmen mittlerweile unverzichtbar und dadurch natürlich auch interessant für eine Kooperation beim Thema Agrar-Akzelerator.

Sophie Paul

 

 

Die russische Landjugend als Innovator
Am letzten Tag hatte die Delegation den ersten Stellvertreter der Russischen Landjugend, Dimitrij Pekurovskij Alexandrovitsch, als Gast, wobei neben seiner Pressesprecherin noch zwei Vertreter des „Agrarpolitischen Dialogs“, einem durch die Regierungen beider Länder geförderten Instituts für fachliche Verständigung sorgten. Beide betonten die Wichtigkeit der deutsch-russischen Kooperation im Agrarsektor. Pekurovskij berichtete von seinen Besuchen in Deutschland und Partnerprogrammen mit der deutschen Landwirtschaft. Das Accelerator-Programm könne helfen, junge und innovative Unternehmen im Agrarbereich zu gründen. „Russland brauche die Innovation unserer deutschen Freunde!“ betonte der junge Russe, der beruflich in einem Büro eines Duma-Abgeordneten arbeitet. Gleichzeitig sprach er seine Bewunderung für die duale Ausbildung aus und berichtete von zahlreichen Praktika- und Ausbildungsprogrammen in Deutschland für junge russische Menschen in Partnerpro-grammen mit Deutschland.

Olaf Birkner stellte den Agrar-Alzelerator vor, der auf großes Interesse stieß. Pekurovskij konnte dazu auf eine Initiative der russischen Landjugend verweisen, die seit sechs Jahren innovative Ideen russlandweit in sogenannten Pre-Akzeleratoren präsentieren läßt. Die Delegation zeigte sich beeindruckt und merkte an, daß damit bereits hervorragende Bedingungen für aufbauen- de Strukturen etabliert seien. Während die Pre-Akzeleratoren von einer Vielzahl russischer Hochschulen und Förderinstitute gefördert werden, fehlten bisher allerdings die Partner aus der Wirtschaft. Man vereinbarte, über die weitere Entwicklung im Gespräch zu bleiben.

Manuel Marrone