18. Dezember 2017
Mittagsgespräch der Sektion Nordfriesland im Hause der ARGE Netz GmbH & Co. KG
Innovationstreiber Autonomes Fahren
In Deutschland erwachsen die Technologieführer, wie sollte es anders sein, nicht aus den Großkonzernen, sondern aus dem Mittelstand. Zwei hatte sich die Sektion Nordfriesland eingeladen, um zu erfahren, welche Rahmenbedingungen Deutschland braucht, um
den Leitmarkt für autonomes Fahren zu entwickeln.
v.l. Sektionssprecher Dr. Martin Grundmann, Wolfgang Bern und Dr. Ulrich Lages (Foto: Wirtschaftsrat)

Dr. Ulrich Lages, geschäftsführender Gesellschafter der Ibeo Automotive Systems GmbH, arbeitet mit seinem Entwicklungsunternehmen schon seit zwanzig Jahren an laserbasierten Fahrerunterstützungssystemen. Vor zehn Jahren hat er in den U.S.A. das erste vom TÜV zugelassene, wirkliche autonome Fahrzeug präsentiert. Das sei etwas vollkommen anderes als pilotiertes Fahren mit Unterstützung von Fahrerassistenzsystemen. Man unterscheide fünf Autonomiestufen. Die Industrie bewege sich derzeit in der zweiten oder in der dritten Stufe, autonomes Fahren erreiche man erst in der fünften. Seinerzeit habe die Industrie noch auf Radar gesetzt, während sein Unternehmen Laserscanner nutze. Inzwischen habe man aber erkannt, daß es mehrere parallele Sensorsysteme geben müsse. Und hier liege auch die Crux, denn jeder Sensor liefere andersartige Signale. Erst die Synopse der Daten führe zu einem ausreichenden Maß an Sicherheit. Sensorfusion sei jetzt das Zauberwort. Aber wie sollen Entscheidungen auf der Grundlage widersprüchlicher Signale interpretiert und nach Risikogesichtspunkten in Fahrzeugbefehle umgesetzt werden? Wenn jeder Sensor Veto einlegen könne, komme man gar nicht vom Fleck, anderseits drohten Risiken. Wie reagiert das Auto auf eine vorbeiwehende Plastiktüte? Was bedeute ein Ampelausfall? Kreuzungs-situationen sind komplex.

Man brauche redundante und aktiv funkende Ampelsignale aus der Umgebung. Und hochauflösende Sensoren. Was jetzt in der Projektausschreibung sei, werde erst in fünf Jahren einsetzbar sein. Und längst nicht alle Probleme seien gelöst, beispielsweise plötzlich auftretende Glätte. Insofern lobte er die Einführung von Dr. Martin Grundmann, der als Sektionssprecher einleitend bereits darauf hinwies, daß Marktreife nicht vor dem Jahr 2030 zu erwarten sei. Das sei bisher die beste Einführung seines Redebeitrags gewesen, die er gehört hätte, und er halte viele Vorträge weltweit.

Den zweiten Bericht stiftete Wolfgang Bern, Projektmanager der PARAVAN GmbH, die ebenfalls vor zwanzig Jahren gegründet und seitdem mit 50 nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet worden sei. Inzwischen halte die Würth-Gruppe 51 Prozent der Gesellschaft.
Paravan produziere Fahrzeuge zum Transport von Menschen mit Behinderungen. Seit einigen Jahren habe man sich auch mit autonomen Fahrzeugen auseinandergesetzt. Es gäbe dazu viele Fahrzeugkonzepte für unterschiedlichste Anwungsfelder, aber bisher keine Zulassungen.
Um das Problem zu lösen, habe man Design und Aussehen ausgeblendet und sich auf den Kern, nämlich eine Fahrzeugbasis konzentriert und diese zulassungsreif entwickelt. Im Jahr 2017 konnte man dann endlich auf der IAA mit dem CLOUi das weltweit erste inklusive Mobilitätskonzept des autonomen Fahrens präsentieren.

Damit seien die Probleme aber längst nicht gelöst. Ein Mensch nehme komplexe Situationen wahr, z.B. Brandgeruch oder einen platten Reifen. Ein Ersatz aller seiner Sinne durch die Auswertung von Rohdaten aus Sensoren und die Zusammenführung in gleichwertige Er gebnisse sei noch immer eine große Herausforderung. Auf der anderen Seite könnten Sensoren Dinge erfassen, die der Mensch bisher so nicht wahrnehmen könne. Die technischen Entwicklungen gingen voran, aber es brauche am Ende nicht nur den Mut des Unternehmers, sondern auch eine gesellschaftliche Risikobereitschaft.

 

Hier sollte Deutschland auch die Chancen sehen, nicht nur für die Exportwirtschaft, sondern auch für das eigentliche Ziel, daß die Verkehrstoten deutlich weniger werden. Daß dieses Ziel am Ende erreicht wird und die autonomen Systeme den Menschen deutlich sicherer transportieren als der menschliche Fahrer, davon waren nicht nur die beiden Referenten überzeugt, sondern auch die 25 Teilnehmer der Veranstaltung. Die frisch gewählte Bundestagsabgeordnete Astrid Damerow dankte im Namen aller für den Wissenszuwachs in dem Bewußtsein, daß auch in ihrem Wahlkreis zukünftig ein Testgelände für autonome Fahrzeuge entstehen und Nordfriesland an der Entwicklung dieser weltweit relevanten Schlüsseltechnologie teilhaben werde./BZ