Herausforderung Digitalisierung im Bildungssystem verankern

Das deutsche Bildungssystem ist eines der besten weltweit. Die besondere Stärke liegt im ausgewogenen Mix von beruflicher und akademischer Bildung. Jetzt geht es darum, die richtigen Weichen dafür zu stellen, dass Deutschland auch im Zeitalter der Digitalisierung seine Wettbewerbsfähigkeit sichern kann. von Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Unser weltweit einzigartiges duales System aus beruflicher und akademischer Bildung und unser ausdifferenziertes Wissenschaftssystem – mit exzellenten Universitäten in der Spitze und soliden Hochschulen in der Fläche – sind das Rückgrat unserer Innovationskraft und damit die Grundlage unseres Wohlstandes. CDU und CSU sind sich der Bedeutung eines leistungsfähigen Bildungssystems für die Zukunft unserer Sozialen Marktwirtschaft sehr bewusst: Die von Angela Merkel geführten Bundesregierungen haben in einer beispiellosen Kraftanstrengung das Budget für Bildung und Forschung mehr als verdoppelt und damit die Bildungschancen von Millionen Kindern und Jugendlichen substantiell verbessert. Neben der Schaffung von Studienplätzen engagiert sich der Bund auch in der Ausbildungsfinanzierung. Wir haben das BAföG für die Studierenden erhöht und Leistungsverbesserungen auch auf das Aufstiegs-BAföG für die angehenden Meister übertragen.

Es hat sich ausgezahlt, dass Deutschland seine Anstrengungen im Bereich Bildung, Forschung und Innovation trotz der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise konsequent gesteigert hat: So stehen wir in einer Vergleichsstudie der Europäischen Kommission heute an der Spitze der Gruppe der Innovationsführer. Das Weltwirtschaftsforum bescheinigt uns höchste Wettbewerbsfähigkeit. Es listet Deutschland sogar auf Rang fünf von 140 Ländern. Und die Zahl weltmarktrelevanter Patente im Verhältnis zu den Einwohnern ist bei uns mehr als doppelt so hoch wie in den USA.

 

Diese Fakten belegen eindrucksvoll: Wir sind im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt. Aber wir müssen uns anstrengen, um dauerhaft an der Spitze zu bleiben. Die internationale Konkurrenz holt auf oder ist uns in einigen Bereichen sogar voraus, etwa bei der Digitalisierung - „Industrie 4.0“.Und ein weiterer Faktor rückt zunehmend in das öffentliche Bewusstsein: der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Denn fehlendes Personal kann sich zu einem echten Hemmnis für wirtschaftliches Wachstum entwickeln. Hier gilt es deshalb, politisch Vorsorge zu treffen.

 

Der Bildungspolitik kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Neben einer bedarfsgerechten Weiterbildung der berufserfahrenen Arbeitnehmer ist es eine zentrale Herausforderung, die jungen Leute fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen und sie auf die Anforderungen einer „Industrie 4.0“ vorzubereiten. Seit Jahren ist der Trend zu beobachten, dass immer mehr Abiturienten an die Hochschulen gehen. Ich verfolge diese Entwicklung mit einer gewissen Skepsis, weil ich mich frage, inwieweit in über 19.000 unterschiedlichen Studiengängen – wie sie das Centrum für Hochschulentwicklung jüngst in Deutschland erhoben hat - eine arbeitsmarktgerechte Qualifizierung gewährleistet werden kann.

Die stetig steigende Zahl der Studiengänge ist auch dafür verantwortlich, dass Studierende und Arbeitgeber die Übersicht über das Studienangebot zu verlieren drohen. Deshalb gilt es, dem Trend zu immer mehr Studiengängen, bei einem sich gleichzeitig verschlechternden Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden und einer alarmierend hohen Zahl von Studienabbrechern wirkungsvoll entgegentreten.

 

Dies ist für mich eine zentrale Herausforderung für die Bildungspolitik in Deutschland: Wenn sich immer mehr junge Menschen für ein Studium interessieren, dann müssen sowohl akademische als auch berufliche Bildung anders organisiert werden. Denn der überwiegende Teil der Absolventen an unseren Hochschulen strebt eine berufliche Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftssystems an. Deshalb wollen wir verstärkt attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen unterbreiten, für die nach dem Abitur ein wissenschaftlich geprägtes Studium an einer Universität nicht die erste Wahl ist. Das Erfolgsmodell Fachhochschule wollen wir genauso ausbauen wie das Duale Studium.

 

Gleichzeitig müssen wir die Attraktivität der beruflichen Bildung erhöhen. Wir wollen in den Köpfen der Jugendlichen und ihrer Eltern verankern, dass es nach der Hochschulreife mit der beruflichen Bildung einen arbeitsmarktnahen und damit sicheren Karriereweg gibt. Als Unionspolitiker setzen wir uns deshalb dafür ein, die berufliche Bildung weiter zu modernisieren. Unter dem Stichwort „Berufsbildung 4.0“ gilt es, die duale Ausbildung an die Anforderungen anzupassen, die durch die Digitalisierung in der Arbeitswelt entstehen. Denn: Hochqualifizierte Fachkräfte, die eine solide berufliche Bildung mit dem aktuellen technischem Know-how verbinden, halten den Schlüssel für den Erfolg einer „Industrie 4.0“ in den Händen. Um Leistungsstärkeren eine echte Alternative zum akademischen Studium aufzuzeigen, wird die Union gemeinsam mit Ländern, Kammern und Sozialpartnern das Modell der „Höheren Berufsbildung“ etablieren. Das heißt: mehr und neue Aufstiegschancen für dual Ausgebildete. Damit werden auch für aufstiegsorientierte Menschen ohne Abitur und Studium neue attraktive Karriereperspektiven eröffnet.

 

Ich bin fest davon überzeugt: die Modernisierung der beruflichen Bildung und der akademischen Bildung sind der Schlüssel für eine arbeitsmarktgerechte Qualifizierung und damit für die Sicherung der Fachkräftebasis in Deutschland. Auf diese Weise wird es uns gelingen, die Zukunftsfähigkeit unserer Sozialen Marktwirtschaft in Zeiten von „Industrie 4.0“ zu erhalten.

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