30. August 2011
Jobwunder für Langzeitarbeitslose - Berlin ist das Schlusslicht bei der Entwicklung am Arbeitsmarkt
Hauptstadtfrühstück mit Bundesministerin Ursula von der Leyen MdB
„Sie haben Kernpositionen des Wirtschaftsrates in der Arbeitsmarktpolitik aufgegriffen und umgesetzt“, begrüßte Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates, die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen MdB, zum Hauptstadtfrühstück im Museum für Kommunikation in Berlin. Mehr als 150 Unternehmer und Führungskräfte waren gekommen, um den Vortrag von Ursula von der Leyen zum Thema „Fachkräfte sichern – Potentiale aktivieren“ zu hören und mit ihr zu diskutieren.
Impressionen
Bundesministerin Ursula von der Leyen beim Hauptstadtfrühstück des Wirtschaftsrats (Foto: Sabeth Stickforth)
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Erfolgreiche Entrümpelung des arbeitsmarktpolitischen Instrumentenkastens

„Mit Ihren Erfolgen leisten Sie einen ganz besonderen Beitrag für die Integration Langzeitarbeitsloser in eine Beschäftigung“, so Steiger. Der Wirtschaftsrat begrüßt die Kernpunkte der Reform arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, die die Bundesministerin auf den Weg gebracht hat. Ganz besonders die Entrümpelung des „Nürnberger Instrumentenkastens“ und die Streichung von über einem Dutzend unwirksamer Programme sowie die gleichzeitige Erweiterung der Entscheidungsspielräume für Arbeitsvermittler vor Ort. „In den Hartz IV-Verhandlungen sind Sie hart geblieben“, sagte Steiger, „und haben den Anschlag von SPD und Grünen auf das deutsche Jobwunder abgewehrt.“

In der 2. Hälfte der Legislatur geht es um nichts weniger als die Bewältigung des Paradigmenwechsels auf dem Arbeitsmarkt, erklärte der Generalsekretär des Wirtschaftsrates. Das Problem „Arbeitslosigkeit“ werde überlagert vom Fachkräftemangel. „Wir müssen alle Kraft daran setzen, diesen Mangel entschlossen zu bekämpfen“ forderte Steiger. Das auf dem Gipfel in Meseberg vorgestellte Grundlagenpapier „Konzept Fachkräftesicherung“ der Bundesregierung könne nur ein erster Schritt sein, dem weitere folgen müssten. Deutschland brauche einen umfassenden, konkreten Maßnahmenkatalog, um mehr Hochqualifizierte ins Land zu holen. „Kluge Köpfe sind der Schlüssel für Innovationen, Wachstum und Wohlstand in unserem Land“, sagte Steiger.

Zahl der Erwerbstätigen mit Rekordstand im wiedervereinigten Deutschland

„Deutschland traut sich ökonomisch etwas zu“, sagte eine zu der frühen Stunde bestens gelaunte Bundesministerin Ursula von der Leyen. „Unser Land ist gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Im Ausland spricht man vom deutschen Jobwunder.“ Deutschland verzeichne mit derzeit 41 Millionen Erwerbstätigen einen Rekordstand im wiedervereinigten Deutschland. Eine Million offene Stellen und eine Arbeitslosenzahl, die unter drei Millionen gefallen sei, mache Hoffnung darauf, dass das Thema Massenarbeitslosigkeit der Geschichte angehöre. „Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir alles daran setzen, dass möglichst viele Langzeitarbeitslose den Weg in den ersten Arbeitsmarkt finden?“, fragte von der Leyen. „Uns geht nicht die Arbeit aus, sondern die Menschen, die diese Arbeit erledigen können.“ Allmählich zeige der demographische Wandel sein Gesicht. In den ostdeutschen Bundesländern hätte sich die Zahl der Schulabgänger bereits halbiert. Der Westen folge jetzt nach.

Berlin ist Schlusslicht bei der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt

Wenn Facharbeitsplätze nicht besetzt werden könnten, gebe es nur wenige Alternativen für Unternehmen, so die Bundesministerin. Entweder, sie setzten auf Automatisierung, wodurch weitere Jobs im Niedriglohnsektor verschwänden. Oder, die Arbeit würde verdichtet, was die Personen aus dem Arbeitsmarkt katapultiere, die Deutschland dringend brauche – Frauen und ältere Arbeitnehmer. Oder Projekte würden zeitlich verschoben beziehungsweise in andere Länder verlagert. Keine der Alternativen könne im Interesse Deutschlands liegen. „Wenn wir jetzt nicht klug handeln, dann haben wir Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit“, sagte von der Leyen.

„In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit durchschnittlich um 7,8 Prozent zurückgegangen – die Zahl der Langzeitarbeitslosen um 3,1 Prozent“, betonte von der Leyen. Berlin jedoch verzeichne mit 0,4 Prozent nur einen minimalen Rückgang in der Arbeitslosigkeit, und die Zahl der Langzeitarbeitslosen sei sogar gegen den Trend um 2,5 Prozent gestiegen. Dabei läge die Zahl der offenen Stellen in der Hauptstadt um 37,8 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt. Das Beispiel zeige, so die Ministerin, wie sehr es einen Unterschied mache, wie die Dinge vor Ort angegangen würden. „Wir müssen uns fragen: Wer macht die Arbeit von morgen?“, sagte von der Leyen und lobte ausdrücklich das Konzept des Wirtschaftsrates zur Sicherung des Fachkräftebedarfs. „Dies kann die große Chance sein, zu einer anderen Arbeitswelt zu kommen.“

Zahl der Abbrecher von Schule und Lehre halbieren

Es könnte die große Chance für junge Menschen sein, den Sprung in die Ausbildung zu schaffen, sagte die Bundesministerin. Sogenannte „Altbewerber“ würden sonst von der Schulbank in Hartz IV abrutschen. Denn ohne Ausbildung ginge es heute nicht mehr. Mit einer Ausbildung jedoch könnten sie zu gesuchten Fachkräfte werden. Die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland liege immer noch bei sieben Prozent. Zehn Prozent der Auszubildenden machten ihre Lehre nicht zuende. „Wenn es uns gelingt diese Zahlen zu halbieren, brächte uns das 600.000 neue Fachkräfte in den nächsten zehn Jahren“, so die Politikerin.

„Wir müssen uns vor Augen führen, dass wenn uns sechs Millionen Fachkräfte fehlten, es sich um die Zahl aller Erwerbstätigen heute in Baden-Württemberg handelt“, verdeutlichte von der Leyen. Auf die Gruppe der Älteren könne nicht verzichtet werden. Es gelte ein neues Bild des Alters zu entwickeln. Mit Ansprache und Motivation lägen hier große Innovationskraft und ein hohes Potential für die Zukunft. Vorruhestandsregelungen seien beseitigt worden. Wenn jetzt mit Klugheit neue Techniken entwickelt würden, die Arbeit kräfteschonender gestalten und neue Zeittakte eingeführt würden, könne Deutschland hier Trendsetter werden. „Denn“, so betonte die Bundesministerin, „die Jüngeren rennen vielleicht schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzung.“

Älteren und Frauen mehr Chancen auf Beschäftigung verschaffen

Einen weiteren Ansatz sah die Bundesministerin darin, Frauen die Möglichkeit zu geben, Kümmern und Karriere besser verbinden zu können. Sie fragte: „Woher kommt denn demographische Wandel?“ Daher, dass Deutschland das Beste passiert sei, das hätte passieren können: Die Bildung habe auch junge Frauen erreicht. Aber wie ließen sich Kümmern und Karriere zusammenbringen? Bisher hätten sich Frauen immer zwischen dem einen oder dem anderen Weg entscheiden müssen. Dies sei ein Muster verpasster Chancen.

 

„Ein Großteil der sechs Millionen nichterwerbstätigen Frauen würde gern arbeiten“, sagte von der Leyen. Jede zweite Frau stehe zudem in einem Teilzeit-Beschäftigungsverhältnis von im Durchschnitt nur 18 Stunden pro Woche. „Hier ist noch viel Musik drin“, betonte die Bundesministerin. 20 Prozent Alleinerziehende gebe es in Deutschland, von denen 40 Prozent von Hartz IV leben würden. Dies seien 640.000 Frauen, die genauso gut ausgebildet wären, wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Sie blieben jedoch länger in der Arbeitslosigkeit, weil sie Kinder zu betreuen hätten.


Dr. Nikolaus Breuel, Präsidiumsmitglied des Wirtschaftsrates und Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Brandenburg, dankte der Bundesministerin für ihre Rede und betonte, dass die Lösung des Fachkräftemangels für die deutsche Wirtschaft essentiell sei. Das Wirtschaftswachstum werde sonst einbrechen auf im Schnitt 1,25 Prozent.

 

 

 

Weiterführende Informationen:

 

Themenseiten Arbeitsmarkt und Alterssicherung

 

Bundesfachkommission Arbeitsmarkt und Alterssicherung