07. Oktober 2016
Junger Wirtschaftsrat besucht Firmengründer Lennart Wichelmann
Gründungsstandort Schleswig-Holstein aus Sicht erfolgreicher Gründer
Der Junge Wirtschaftsrat hat sich der Gründerkultur in Schleswig-Holstein zugewandt und zum Auftakt vier erfolgreiche Gründer zu Wort kommen lassen. Gab es hilfreiche Strukturen, was war entscheidend für den Erfolg, und was könnte man in Schleswig-Holstein verbessern?
Lennart Wichelmann erklärt anderen Jungunternehmen seine Erfindung / Foto: Wirtschaftsrat

Die Ergebnisse waren ernüchternd und faszinierend zugleich. Nur der unbändige Wille des Unternehmers ist entscheidend für den Erfolg. So hatte Nadine Sydow als Biologiestudentin den Ehrgeiz entwickelt, ein ungiftiges Schneckenmittel zu entwickeln und nach erfolglosem
Test der 600 vom Professor vorgeschlagenen Möglichkeiten unverdrossen weiter gesucht. Und als die Ergebnisse vielversprechend wurden, lieferte ein crowd funding in Berlin die entscheidende 17.000 Euro Startkapital. Mit der Übernahme von 10 Prozent durch einen er -
fahrenen Unternehmer konnte sich die Solventa GmbH mit Schnexagon schließlich erfolgreich entwickeln.

Jonas Stolzke von my boo weiß Ähnliches zu berichten. Nach der ersten Umsetzung der Idee empfing man den ersten Satz der in Ghana gefertigten Bambusrahmen für die myBoo-Fahrräder um festzustellen, daß sie nicht zu gebrauchen waren. Auch bei myBoo gibt es einen erfahrenen und engagierten Minderheitsinvestor, der Finanzmittel eingebracht hat. Für Stolzke und seinen Mitgründer zunächst ein groß erscheinender Betrag, der in der Praxis aber schnell verbraucht war. Ansonsten war Selbststudium und unverzagtes learning by doing gefragt. Inzwischen habe man in Kiel einen herkömmlichen Fahrradladen übernommen und jüngst in Brunsbüttel einen zweiten aufgemacht.

Finn Plotz, der mit Vion eine omnipotente und einfach handliche Fernbedienung zum Fernsehen entwickelt hat, läßt in China produzieren und hat sein Designerprodukt inzwischen in Deutschland auf den Markt gebracht hat. Auch er kennt die existenzbedrohenden Tiefs des Unternehmerdaseins, die sich mit euphorischen Hochs in unberechenbarer Folge abwechseln. Sein junges Alter sei bei der Partnersuche kein echtes Hindernis gewesen, wenn ein Gespräch erst einmal erfolgreich angebahnt werden konnte. Er habe auf dem Weg Partner gefunden und erfolgreich zusammengeführt und am Ende das Vertrauen von Banken erhalten, die auf dem Weg zum Ziel auch noch einmal aufstocken mußten. Jetzt ginge es darum, den Vertrieb in den Märkten auf sein Produkt zu schulen.

Die Veranstaltung des Jungen Wirtschaftsrates fand statt in der Werkhalle eines vierten erfolgreichen Gründers. Lennart Wichelmann hat sich als Zulieferer für die medizintechnische Industrie selbständig gemacht und in eine metallverarbeitende Maschine investiert. Jüngst hat er noch eine gebrauchte Drehbank daneben gestellt. Wenn die Maschinen nicht für die medizintechnische Industrie gebraucht werden, produziert er eine selbst entwickelte Rohrbiegezange, die inzwischen weltweit nachgefragt ist. Die Synopsis der vier Beispiele lieferte am Ende der Diskussion wenig Anhaltspunkte, daß die Rahmenbedingungen in Schleswig-Holstein zum Erfolg beigetragen haben, wenn man davon absieht, daß alle Projekte einen Teil ihrer Finanzierung von der MBG SH erhalten haben. Entscheidend scheint vielmehr die große Risikobereitschaft und der Durchhaltewillen, auch bei Niederlagen nicht aufzugeben.

Der Junge Wirtschaftsrat wird in zwei Folgeveranstaltungen die Sicht von Investoren und der Förderinstitute beleuchten, um auf dieser Grundlage Empfehlungen für den Gründerstandort Schleswig-Holstein zu entwickeln./bz