10. Mai 2016
GREXIT - BREXIT - EXIT? Der europäische Wirtschaftsraum zwischen Zuwanderung und Abwanderung
Die Sektionen Bautzen und Görlitz luden am Dienstagabend ins Haus Schminke zur Besichtigung - und um die Zukunft der Europäischen Union vor dem Hintergrund der Exit-Debatten Griechenlands und Großbritanniens zu diskutieren.
Begonnen hat der Abend mit einer Besichtigung des weltbekannten Haus Schminke - einem der vier bedeutendsten Bauten der Stilrichtung „Neues Bauen“ und „International Style“.
Besichtigung der Außenanlage Haus Schminke (Foto: Wirtschaftsrat)

Frau Claudia Muntschick, Geschäftsführender Vorstand des Hauses, führte in erfrischender Art und Weise über das Grundstück und klärte die anwesenden Mitglieder und Gäste des Wirtschaftsrates über dessen Historie auf. Der Architekt Hans Scharoun entwarf das Haus 1930 für den Löbauer Nudelfabrikanten Fritz Schminke sowie seine Familie und bediente deren Bedürfnisse und Wünsche in extravaganter Art und Weise. Fritz Schminke war beispielsweise ein leidenschaftlicher Schiffsfan - so wundert es nicht, dass auch das Haus, in Anbetracht seiner Form, der immer wieder auftauchenden Bullaugenfenster und des maschinenraum-ähnlichen Kellers Assoziationen zu einem Schiff wecken. Frau Schminke wiederum war leidenschaftlicher Naturfreund und liebte ihren Garten über alles. Nicht zuletzt deswegen lässt sich die Gartenanlage des Haus Schminke durch seine riesigen Fensterfronten so gut bewundern. Es kann wirklich jedem wärmstens empfohlen werden, dieses Haus einmal in Ruhe zu besichtigen.


Im Anschluss an die Führung sprach Dr. Frank Geilfuß, Chefvolkswirt des Bankhaus Löbbecke, vor dem Hintergrund der Grexit- und Brexitdebatten, über die Zukunft der Europäischen Union. Die in der Presse geführte Diskussion ist breit gefächert, nicht wenige wünschen sich, dass Griechenland endlich austritt und tatsächlich ist die Lage dort denkbar schlecht. De facto ist das Land derzeit ohne die EZB nicht lebensfähig, es gibt kein vernünftiges Steuersystem und auch Reformen wurden mehr schlecht als recht umgesetzt - einzig die Griechen selber sträuben sich vor einem Austritt. Woher aber kommt der Wunsch der Briten, aus dem Euroraum auszutreten? Immerhin ist Großbritannien nach Deutschland zweitgrößte Wirtschaftsmacht in der EU, sie konnten 2015 2% Wachstum verzeichnen und sind insgesamt gesehen wohl der größte Nutznießer der Union, gemessen an geschaffenen Arbeitsplätzen. Aus demografischer Sicht lässt sich sagen: Je älter und je niedriger in der sozialen Schichtung das befragte Klientel, desto eurokritischer sind sie eingestellt. Die meisten Experten prognostizieren allerdings merkliche Verluste für Großbritannien bei einem anstehenden Euro-Austritt, d.h. einen BIP-Abfall von ca. 5% bis 2020 und den Verlust von rund 1 Mio. Arbeitsplätzen. Dr. Geilfuß vertritt sogar die Meinung, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen, gemessen an den sozialen und politischen, noch vergleichsweise harmlos wären. Die geschasste Finanzmarktregulierung würde auch nach einem Austritt fortbestehen, die günstige Refinanzierung britischer Banken durch die EZB würde wegfallen, erneut eingeführte Zölle würden den Im- sowie Export belasten und seitens Schottland und Nordirland sind (erneute) Referenden zur Abspaltung vom Königreich zu befürchten, denn sowohl die Schotten als auch die Iren wären gern Teil der europäischen Gemeinschaft. Auch gesamteuropäisch hätte ein Austritt Großbritanniens Folgen, wie Dr. Geilfuß zu bedenken gibt, immerhin haben diese sich in der Vergangenheit als härtester Gegner zentraler Machtverwaltung seitens der EU-Gremien herausgestellt.


Uns bleibt nur abzuwarten wie das Referendum im weiteren Jahresverlauf ausgeht - es ist allerdings zu erwarten, dass die Briten sich mit einem Austritt keinen Gefallen tun werden. 

v.l.n.r. Ellen Haufe, Sprecherin der Sektion Bautzen; Claudia Muntschick, Geschäftsführender Vorstand Haus Schminke; Dr. Frank Geilfuß, Chefvolkswirt Bankhaus Löbbecke AG (Foto: Wirtschaftsrat)