20. September 2018
Podiumsdiskussion der Sektion Segeberg im Hause der H+H Deutschland GmbH
Flächenverbrauch besser steuern
Kies ist schon jetzt so knapp, weshalb die Baukosten in die Höhe schießen und erste Baustellen nicht mehr rechtzeitig beliefert werden können. Die Sektion Segeberg hatte deshalb Vertreter der Baustoffindustrie und die umweltpolitische Sprecherin der Grünen, Marlies Fritzen, in das Betonwerk von H+H nach Wittenborn eingeladen, um zu der sich für die Bauwirtschaft deutlich abzeichnende Rohstoffkrise Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren.
Das Podium v.l.: Torsten Kurth, Thomas Prenzer, Moderator Christian Sowada; Marlies Fritzen MdL und B. Rainer Brings / Foto: Wirtschaftsrat

In Schleswig-Holstein sollen in den nächsten Jahren nicht nur neue Autobahnen gebaut werden, sondern auch Schulen und Brücken saniert und über hunderttausend neue Wohnungen geschaffen werden. Das Problem: Ohne Kies kann das nicht funktionieren, und der Kies wird weniger, wenn das Land nicht dringend neue Voraussetzungen für den Abbau schafft.

 

Thomas Prenzer, Geschäftsführer des Verbandes der Bau- und Rohstoffindustrie e.V. rechnet dazu vor, daß allein die Straßenbauvorhaben in den nächsten Jahren 55 bis 70 Millionen zusätzliche Tonnen benötigen würden, ohne Großprojekte und Wohnungsbau gerechnet. Vier Millionen Tonnen könnten mit Schiffen aus Norwegen importiert werden, mehr würden die Umschlagskapazitäten in Schleswig-Holstein nicht hergeben. Diese müßten dann noch auf Lastern durch das Land gekarrt werden, was teuer und weder im Sinne der Umwelt noch der Straßenerhaltung sei. Die 170 Potentialflächen, die jetzt im Rahmen der Vorbereitung des neuen Landesentwicklungsplanes geprüft werden, würden im Großteil nicht als Vorrang-flächen in Betracht kommen, weil nicht immer alle Kriterien dafür erfüllt seien.

Kiesunternehmer Sven Fischer stellte klar, daß die dem aktuellen Regionalplan zu Grunde liegenden Daten 25 Jahre alt und viele Flächen längst abgebaut seien. Ohne Einfluß des Landes auf der Grundlage des Bergrechts würden keine neuen Flächen für den Kiesabbau entstehen, falls die Entscheidung dafür allein bei den betroffenen Kommunen liegt. Schon jetzt seien 1.200 Arbeitsplätze in der Kiesindustrie nach Norwegen abgewandert. Die Preise für Importe liegen 50-70 Prozent über den heimischer Ressourcen. Hans-Werner Blöcker spannte den Bogen noch weiter. Für jede Bautätigkeit würde im Verhältnis 1 : 3 Ausgleichsfläche gebraucht. Er schlägt vor, die Wohnbauflächengenehmigung zu koppeln an die Kiesressour-cenverfügbarkeit. Außerdem solle das Land beim Recyceln von Baustoffen vorangehen.

Torsten Kurth, Betriebsstättenleiter der REMEX GmbH, hatte zuvor ausgeführt, daß nur 3,7 Millionen Tonnen Baustoffe durch Recycling gewonnen werden, während das Meiste als Schlacke auf der Deponie lande. Dabei habe diese die Qualität von Naturstoffen. Die auf der Bundesebene seit Jahren diskutierte Mantelverordnung zur Vereinheitlichung von Geneh-migungsverfahren sei, so Prenzer, leider nur noch 300 Seiten Murks.


Die Landtagsabgeordnete hörte aufmerksam zu. Noch, so ihre Wahrnehmung, sei in Schleswig-Holstein der Kiesabbau für acht Jahre sichergestellt. Rainer Brings, Geschäftsführer der Thomas Beton GmbH, hielt dagegen, daß er schon jetzt am Morgen häufig nicht mehr wisse, wie er am Tag die Baustellen beliefern könne.

In der anschließenden Diskussion wurde dafür geworben, den Flächenverbrauch in Schleswig-Holstein zielführender zu messen und zu steuern. So sei es falsch, Kiesabbaugebiete als Flächenverbrauch zu bewerten, wenn aus den Flächen nach einer Renaturierung hochwertige, weil nährstoffarme, Naturflächen geworden seien. Bei Einfamilienhaussiedlungen sollten nicht die ganzen Grundstücke, sondern nur die versiegelte Fläche als Verbrauch gewertet werden, denn die Gärten bilden wichtige Lebensräume für Bienen und Insekten. Neben diesen Chancen durch eine bessere Justierung der umweltpolitischen Steuerungsinstrumente war allen Teilnehmern am Ende klar, daß eine weitere Verzögerung einer Ertüchtigung der Verkehrswege bei insgesamt wachsenden Verkehren auch für die Umwelt zu katastrophalen Entwicklungen führen wird.

Joachim Kartaun, Mitglied der Geschäftsführung der H+H Deutschland GmbH, einer Tochter der dänischen H+H, die in Europa 30 Werke betreibt, lud anschließend zu einer Werksbesichtigung der Produktion von Porenbeton ein.  / Dr. Bertram Zitscher