11. Mai 2018
3. CXO-Event Sylt 2018
Experten: Deutschland muss bei der KI Gas geben
Podium Künstliche Intelligenz: Deregulierung der Chancen und Regulierung der Risiken
Die Bandbreite, mit der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf das Thema Künstliche Intelligenz (KI) schauen, könnte kaum breiter gefächert sein. Bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Deregulierung der Chancen und Regulierung der Risiken beim Einsatz der Künstlichen Intelligenz“ brachte es Moderator Frank Pörschmann, Vorstand Digital Analytics Association, auf den Punkt: Für die einen ist KI die letzte vom Menschen entwickelte Technologie mit Chancen, für andere ist die KI genauso gefährlich wie die Atomtechnologie.
Podium Künstliche Intelligenz: v.l. Bert Weingarten, Moderator Frank Pörschmann, Dr. Christian Thurau und Dr. Rainer Fageth / Foto: Holger Hartwig

Podium und Experten waren sich einig. Für Deutschland ist es Zeit, bei diesem Thema Gas zu geben, wenn es um Forschung, Datennutzung und einen dafür notwendigen, modernen rechtlichen Rahmen geht.

 

Pflichten für Roboter definieren
In das Thema ein führte Dr. Wolfgang Hildesheim, Watson & AI Leader DACH bei IBM Deutschland. Er zeigte auf, worauf es bei der weiteren Nutzung der KI ankommen wird. Grundsätzlich würden heute in den Medien die Risiken über- und die Chancen unterschätzt. Dr. Hildesheim: „Die KI ist der Megatrend und wird sich nicht aufhalten lassen. Es geht um die Frage, welche Rechten und Pflichten Roboter haben sollen, die mit KI arbeiten. So kann dann verhindert werden, daß beispielsweise aus Drohnen mit Gesichtserkennung gefährliche Waffen werden.“

 

Wichtig sei, daß transparent und klar definiert werde, daß Daten mit KI „immer für einen bestimmten Zweck genutzt werden dürfen und so der Mensch die Kontrolle behält“. „Wir brauchen ein ethisches Design und müssen in Forschung investieren, um zu lernen, wie wir mit den Chancen verantwortungsbewußt umgehen.“ Aus seiner Sicht sind die Erfolgsfaktoren für KI, wie die unstrukturierte Daten (z.B. Videos, Bilder, Texte) künftig strukturiert gesammelt und genutzt werden können. „Die Möglichkeiten, die sich dann ergeben sind vielfältig“, so Dr. Hildesheim. Als Beispiele nannte er eine Müllerkennungssoftware, die kürzlich
für Hamburg entwickelt wurde. Von herumliegenden Müll werde ein Foto gemacht, dieses an die Zentrale geschickt und dann dort digital ausgewertet, um die Abfuhr zu organisieren.

Europaweite Lösungen gefragt
Bei der sich anschließenden Diskussion folgten weitere Beispiele aus der Praxis. Dr. Reiner Fageth, Vorstand Technik bei CEWE, einem der europaweit größten Firmen, die pro Jahr drei Milliarden Fotos für den Endverbraucher verarbeitet, zeigte auf, daß es die KI dem Kunden „mit genialen Vorschlägen wesentlich leichter macht, seine Bildauswahl zu gestalten“.

 

Aus seiner Sicht fehle in Deutschland derzeit noch die Strategie, wie mit der KI insgesamt umgegangen werden soll. „Wir haben den Nachteil, daß wir eine extreme Sensibilität im Umgang mit Daten haben und heute noch jedes Mal fragen müssen, ob wir Bilder verwenden können.

 

Wichtig ist, daß verstanden wird, daß KI kein Technikthema ist, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Fageth: „Wir müssen wie beispielsweise in den USA anonymisiert die Daten leichter nutzen können, um damit zu arbeiten. Mit der aktuellen Haltung werden Geschäftsmodelle der Zukunft verhindert. Wir brauchen dafür europaweite Lösungen.“

Bei Ausbildung dringend Gas geben
Für Dr. Christian Thurau, Experte für die Echtzeiterkennung von Handlungen und Szenen aus Videodateien, kommt es darauf an, daß die Chancen erkannt werden, wie mit Datennutzung und -analyse „Maschinen dazu gebracht werden, die Welt so wahrzunehmen, wie wir das können, ihnen menschliche Handlungen beizubringen und dabei sicherzustellen, daß diese Maschinen dann mit uns zusammenleben.“

 

Der Handel mit Daten werde weltweit enorm zunehmen und „wir müssen aufpassen, daß diese Daten nicht irgendwo in China landen.“ Neben der Schaffung von guten vor allem rechtlichen Rahmenbedingungen forderte Dr. Thurau, die Ausbildung von Fachkräften zu verstärken. „Die wenigen Experten, die wir in Bereich Deep Learning noch haben, werden vom Ausland abgeworben. Wir müssen hier dringend Gas geben.“

Deutschland braucht Verteidigungslinie
Auch für Dr. Bert Weingarten, Experte für sichere Internet-Nutzung und für die Systemerstellung zur Aufklärung von Cybercrime, wird es Zeit, daß „die Politik aufwacht und bei der KI nicht weiter abwartet, um dann später nur noch zu reglementieren“. Der Chef der PAN AM AG in Hamburg, einem weltweit agierenden Unternehmen, sieht aktuell neben den Fragen der Nutzung der KI eine weitere große Herausforderung.

 

Er warnt davor, daß deutsche Technologien im Ausland genutzt oder sogar verkauft werden, „ohne daß jemals mit dem Unternehmen überhaupt gesprochen wurde.“ Er habe den Eindruck, daß viele nicht wüßten, was derzeit mit Blick auf Datenauswertung und die dann mögliche Nutzung von KI weltweit passiert. Für die Auswertung von Maschinendaten gebe es bis heute keine gesetzliche Regelung, so daß „da vieles möglich ist.“

 

Die Hidden Champions der deutschen Wirtschaft seien im Moment zwar noch geschützt, „weil noch nicht alle Daten in den USA ausgewertet werden können, doch die Asiaten kommen und greifen immer mehr Informationen ab.“ Weingarten: „Unsere Netze sind heute schutzlos. Es fehlt in Deutschland an einem Konzept für eine Verteidigungslinie. Hier muß die Politik ins Handeln kommen.“/Holger Hartwig