27. November 2013
Europäische Facharbeiterfamilien - Wie schaffen wir eine einladende Infrastruktur?
Junger Wirtschaftsrat besucht die RAKO-Gruppe in Witzhave am 27. November 2013
Ralph Koopmann, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der gastgebenden Rako-Gruppe, stellte einleitend fest, dass diese inzwischen in
19 Gesellschaften 1.500 Mitarbeiter mit 14 Nationalitäten beschäftige
und neue Mitarbeiter innerhalb von sechs Monaten wunderbar integrieren
könne.
das Podium v.l. Dirk Sommer; Dr. Heike Grote-Seiffert; Volker Dornquast MdL; Moderator StB. Benjamin Bhattii; Imke Goller-Willberg und Tim Wohler (Foto: Wirtschaftsrat)

Angefangen mit Haftetiketten habe sich der Etikettenmarkt in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt. Ein Treiber sei das wachsende Bedürfnis von Markenproduzenten, sich gegen Fälschungen abzusichern, die allein in Deutschland inzwischen Umsätze in einer Höhe von 50-60 Milliarden Euro erreicht hätten.

 

Darüber hinaus wünscften die Kunden zunehmend im Zusammenhang mit der Warenauszeichnung weitere logistikbezogene Dienstleistungen. Und schließlich zeichne sich die Rako-Gruppe dadurch aus, dass man das ganze Sortiment einschließlich RFID-Lösungen und Hologrammen anbieten und in engen Kundenbeziehungen ständig weiterentwickeln könne, was durch eine ausgeprägte Fertigungstiefe erreicht wird. Der personelle Nachwuchs am Stammsitz konnte bislang erfolgreich aus der Region gewonnen werden.

Dass sich diese Versorgungslage in den nächsten Jahren besonders für Industrieunternehmen ändern werde, sei schon jetzt absehbar, sagt Benjamin Bhatti, der aus dem Vorstand des Jungen Wirtschaftsrates die Moderation übernommen hatte. Nach jüngsten Schätzungen habe die Agentur für Arbeit in Lübeck für die kommenden Jahre eine Lücke von 63.000 Arbeitskräften für die Region ausgemacht.

 

Frau Dr. Grote-Seifert konnte dazu berichten, dass die Programme der Arbeitsagentur im letzten Jahr 200 junge Kräfte besonders aus Spanien in den Norden geholt hätten, wobei neben sprachlichen Barrieren auch Mentalitätsunterschiede erkennbar geworden seien. Bei ausgebildeten Fachkräften sei eine Integration aber wohl leichter möglich.

 

Tim Wohler, Personalleiter bei Oldendorff Carriers, die als weltführende Massengutreederei neben 2.000 Seeleuten weitere 500 Mitarbeiter mit 27 Nationalitäten beschäftige, 250 davon am Stammsitz Lübeck, berichtete von erheblichen Aufwendungen, um ausländische Fachkräfte für den Stammsitz Lübeck zu gewinnen – im Wettbewerb beispielsweise mit Standorten wie Singapur, wo der Einkommenssteuersatz bei 15 Prozent liegen würde. Man beschäftige einen Mitarbeiter allein für die Betreuung der ausländischen Fachkräfte. Außerdem gewähre man vorab eine Anschauungsreise, spendiere einen Monat mietfreies Wohnen und bezahle den Umzug. Das könne aber nichts daran ändern, dass man mit der Unternehmenssprache Englisch im Supermarkt und in der deutschen Verwaltung nicht weit komme, im Raum Lübeck keine internationale Schule finde und ein Kindergeldantrag in der Bearbeitung auch schon mal 18 Monate dauern könne.

 

Genau hier, so Dirk Sommer, der in Deutschland als Berater die Einführung des Bürgertelefons 115 begleitet hat, müsse das Land Schleswig-Holstein ansetzen. Aufgrund seiner familiären Bindungen nach Ungarn wisse er, dass eine nachhaltige Zuwanderung von Facharbeitern nur funktionieren könne, wenn auch die Familien sich eingeladen fühlen dürfen. Das sei nur denkbar, wenn die Verwaltung ihre Bürokratie beispielsweise bei der Anmeldung von Hunden oder der Beantragung von Anwohnerparkausweisen auch für fremdsprachige Mitbürger gangbar mache. In New York würden behördliche Callcenter Hilfestellungen in 150 Sprachen anbieten, und in Niedersachsen plane man immerhin auf Landkreisebene den einheitlichen Ansprechpartnern für Ansiedlungen.