18. September 2017
Podiumsdiskussion zur ersten digitalen Kieler Woche
Digitalisierung der Meere - Chancen und Visionen
Die Zukunft der Fischobservation, des Fischfangs, der Munitionsräumung im Meer und die Frage, wie das Eindringen von Mikroplastiken in das Oberflächenabwasser verhindert werden kann – das waren die Themen von Impulsreferaten zum Auftakt des Abends der Sektion Kiel des Wirtschaftsrates, der als Beitrag des Wirtschaftsrates zur ersten „Digitalen Woche Kiel“ gestiftet wurde.
v.l. Prof. Dr.-Ing. Thomas Rauschenbach, Jakob Schwendner, Moderator Torsten Turla, Prof. Dr. Martin Visbeck und Jann Wendt /Foto: Wirtschaftsrat

Die Zukunft der Fischobservation

Prof. Dr. Joachim Gröger, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Seefischerei des Johann-Heinrich von Thünen-Instituts (Braunschweig), stellte die modernen Möglichkeiten der Unterwasser-Fisch-Observatorien (UFO). „Bisher sind unsere Erkenntnisse über Art, Anzahl, Größe und Gewicht der Fischbestände und deren Umwelt eher wie ein Schweizer Käse in Raum und Zeit. Wir haben bisher nicht ausreichend Daten für eine kontinuierliche und automatisierte Bestands- und Zustandsberechnungen“, so Prof. Dr. Gröger. Mit einem neuen hochmodernen, zwei Mal zwei Meter großen, mobil einsetzbarem Fischüberwachungssystem, das Stereo optik und Hydroakustik nutzt, sei es nun möglich, UFO auszubauen. Erste Tests, unter anderem in der Kieler Förde und in der Nordsee, seien erfolgreich gewesen. „Dabei wird es dann perspektivisch auch darum gehen, wie die großen Datenmengen zu einem Kataster aufbereitet werden können.“ Einen weiteren Fortschritt er hofft sich Gröger durch zwei kleine portable und autonome Unterwasservehikel.

 

Die Zukunft des Fischfangs

Mit der Frage, wie der Fischfang mit intelligenten Netzen optimiert werden kann, beschäftigte sich der Vortrag von Industriedesignerin Andrea Meyer. Sie präsentierte eine Designstudie eines intelligenten Fischernetzes, das als Kontrollsystem „Fische durch Sensoren identifiziert, separiert und ungewünschten Beifang lebend wieder freisetzt.“ Herausgekommen sei mit Glaucus ein System, das aus einem Antriebs- und drei Selektionsringen besteht und autonom im Meer unterwegs sein kann. Meyer, die für ihre Studie mit dem Bayrischen Staatspreis ausgezeichnet wurde: „Über eine spezielle Maschentechnik kann das Netz Fische gezielt aus dem Netz lassen.“ Ziel sei es, daß dieses System „eigenständig bei vorliegenden Daten Fischströme erkennt und ansteuert“.

 

Die Zukunft der Munitionsräumung

Für Claus Böttcher dreht sich seit 2009 in der Sonderstelle „Munition im Meer“ im Kieler Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume alles um das Auffinden, Entschärfen und Entsorgen von Munition und Kampfstoffen in der Ost- und Nordsee.
Böttcher berichtete davon, daß es für eine umfassende Bestandsaufnahme bisher keine zufriedenstellende Lösung gibt. Aktuell wird geschätzt, daß sich noch 1,6 Millionen Tonnen Sprengstoff im Meer befinden. Ziel müsse es sein, die Auffindungstechniken durch Sensoren zu verbessern und „mit den vorhandenen Daten dann langfristig ein Munitionskataster See zu erstellen“. Zudem hoffe er darauf, daß durch die fortschreitende Automatisierung eine preiswertere und autonome Bergungstechnik entwickelt werde.

 

Die Zukunft ohne Mikroplastiken

Die Erkennung und Filtrierung von Mikroplastiken im Zufluß von menschlichen Siedlungen zu Seen, Flüsse und in die Meere war das Thema von Daniel Venghaus. Der Experte der Forschungsgruppe Siedlungswirtschaft des Instituts für Bauingenieurwesen der Technischen Universität Berlin zeigte am Beispiel von modernsten, technisch mit Sensoren hochgerüsteten Gullis auf, wie es gelingen kann, kleinste Plastikteilchen aus dem Oberflächenwasser zu filtern. Das Ziel der Studie, die bis 2018 läuft, sei es, „das Eindringen von Mikroplastiken in die Wasserwirtschaft zu verhindern.“ Dabei gehe es auch darum, im Zuge der Digitalisierung Regenereignisse so rechtzeitig abzubilden, daß sich die aktuell getesteten Systeme auch im Alltag bewähren.

 

Bessere Vernetzung und mehr Transparenz als Erfolgsfaktoren

Die Digitalisierung der Meere bietet für die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren ein großes Entwicklungspotential. Darin waren sich die vier Teilnehmer der Podiumsrunde einig. Damit die Chancen genutzt werden können, müßten jetzt durch eine bessere Vernetzung der Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft, durch die einfache Verfügbarkeit und Transparenz der Daten und durch die Schaffung von Schnittstellen Weichen gestellt werden, so die Botschaft des Abends.

 

Für Prof. Dr.-Ing. Thomas Rauschenbach, Leiter des Instututsteils Angewandte Systemtechnik des Fraunhofer Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung Ilmenau, ist eine bessere Vernetzung aller Akteure ein Schlüssel zum Erfolg. Das beginne bei der Datenerfassung und ende bei den Formen der Publikation. „Wir müssen von Beginn an in Wertschöpfungsketten denken“, so Rauschenbach. Erforderlich sei dafür, z.B. die erforderliche Infrastruktur im Meer zu schaffen. Auch Unterwasser brauche es eine Art WLAN, damit effektiv gearbeitet und Daten zügig verarbeitet werden könnten. „Die Chancen der Digitalisierung müssen geplant werden“, so Rauschenbach, der überzeugt ist, dass sich für die deutsche Wirtschaft mit ihren Ingenieursfähigkeiten im Bereich der Robotik ganz neue Perspektiven ergeben werden.

Um den Weg in die Zukunft zu gestalten, ist es nach Ansicht von Jakob Schwendner, geschäftsführender Gesellschafter von Kraken Robotik Bremen, wichtig, gezielt in Produkten und Service zu denken und die Bevölkerung stärker einzubeziehen. „Der Mars ist besser kartografiert als die Ozeane. Google Maps sollte es auch für das Meer geben“, nannte Schwendner ein Beispiel.

 

Das sah auch Prof. Dr. Martin Visbeck, Leiter der Forschungseinheit Physikalische Ozeanografie vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanografie Kiel und Sprecher des Exzellenzclusters The Future Ocean Kiel, so „Wer seinen Urlaub buche, der wolle gerne mehr wissen. Das ist eine Chance – auch um mehr Unterstützung für die Forschung durch die Politik zu bekommen.“ Visbeck sprach sich zudem in der von Torsten Turla, geschäftsführender Gesellschafter des Meerestechnischen Büros Turla Kiel, moderierten Diskussion für eine bessere Datennutzung aus. „Wir brauchen neue Lösungen, wenn es um das Publizieren der Ergebnisse geht.“ Viel werde in den kommenden Jahren auch vom Zugang zu den Daten abhängig sein. „Heute ist der Zugriff auf Daten, die Firmen ermittelt haben, selbst nach Jahren noch limitiert. Hier bedarf es eines Automatismus, dass beispielsweise nach einer bestimmten Frist eine Bereitstellung automatisch für alle Interessierten erfolgen kann.“

Aus Sicht von Jann Wendt, geschäftsführender Gesellschafter der EGEOS GmbH Kiel, ist neben den Daten auch die Frage der Software wesentlich. „Wir benötigen mehr Schnittstellen, um Daten nutzbarer zu machen und in strukturierte Prozesse zu bringen.“ Er sprach sich dafür aus, eine ganzheitliche Strategie zu entwickeln, wie es mit der Meeresforschung, der Nutzung der Erkenntnisse und den damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten in Deutschland weitergehen soll. „Wir sind in der Industrie noch lange nicht dort, wo wir mit unseren Fähigkeiten sein könnten“, so Wendt.

Einig war sich das Quartett in der Frage, was von Seiten der Politik unternommen werden müsse. Bisher sei das Verhältnis der Fördergelder im Vergleich zur Raumfahrt 1:13. Das gelte es in Zukunft zugunsten der Meeresforschung zu verändern. Die Botschaft nahm der Bundestagsabgeordnete Dr. Philipp Murmann in seinem Schlußwort dankbar auf. Etwa fünzig Interessierte nutzen die Gelegenheit, sich über die Chancen der Digitalisierung für die Meere zu informieren./Holger Hartwig