11. Juli 2017
Mittagsveranstaltung auf Gut Rixdorf
Die Zukunft der Landwirtschaft
Schleswig-Holstein ist traditionell ein Agrarland, das aufgrund guter Böden und ausreichender Wasserreserven eine hochproduktive Landwirtschaft ausgebildet hat. Entsprechend fordert Werner Schwarz, Landwirt und Präsident Bauernverband Schleswig-Holstein e.V., die Branche auf, selbstbewusst um die eigenen Stärken die aktuellen Hausausforderungen zu antizipieren.
v.l. Bauernpräsident Werner Schwarz, Jutta von Behr, Sektionssprecher Karsten Kahlcke und Sönke Huesmann/Foto: Wirtschaftsrat

Diese Herausforderungen seien indes groß, denn zum einen sinke weltweit die nutzbare Fläche pro Mensch, während die gesellschaftlichen Anforderungen zugunsten der Natur als Nutzraum steigen und die Vermarktungsstrukturen fortgesetzten Konzentrationsprozessen unterliegen würden. Er geht deshalb davon aus, daß die nächste grüne Revolution eine „Effizienzrevolution“ wird, die durch Forschung und Entwicklung zu neuen Techniken führt. Damit werde der Kapitaleinsatz weiter steigen, weshalb eine Rückkehr zu kleinbäuerlichen Strukturen in die falsche Richtung weise.

Der landwirtschaftliche Berater Sönke Huesmann sieht weitere Herausforderungen für Schleswig-Holstein. Die Veredelungsindustrie (Mühlen, Zuckerfabriken, Schlachthöfe) sei in den letzten Jahrzehnten abgewandert und damit auch ein Großteil der Wertschöpfung. Die Landwirtschaft Schleswig-Holsteins befinde sich im Spannungsfeld zwischen konträren Anforderungen der Verbraucher, der Wohlstandsgesellschaft, der internationalen Märkte und der Natur: Der Verbraucher verlange Rückverfolgbarkeit, Gentechnikfreiheit, Regionalität und günstige Preise. Die Wohlstandgesellschaft westlicher Prägung möchte unberührte Natur, möglichst keine Pflanzenschutzmittel, keine modernen Maschinen und Tierhaltungsformen wie in Streichelzoos. Diese Produktionsform stehe im Kontrast zum internationalen Markt, für den die schleswig-holsteinische Landwirtschaft aufgrund seiner hervorragenden Lage zu Hafenplätzen vorrangig produziere. Der wünsche preiswerte Standardprodukte mit hoher Qualität. Darüber hinaus fordere die Natur Vielfalt. Ansonsten drohten durch einen zulassungsbedingten Wegfall diverser Pflanzenschutzwirkstoffe zunehmend Resistenzen bei Krankheiten und Schädlingen. Um dem zu begegnen, brauchte es weitere Fruchtfolgen verbunden mit spätere Aussaatterminen, sowie Sorten mit besserer Krankheitsresistenz. Ein sich abzeichnender Rückgang der Produktionsintensität hätte für den humiden Hochertrags-standort Schleswig-Holsteins unweigerlich ein Absinken der Reinerträge zur Folge.

Der damit einhergehende unausweichliche Strukturwandel müsse von der Landesregierung proaktiv begleitet werden. Huesmann empfiehlt dazu gezielte Anreizförderungen für mehr- feldrige Fruchtfolgen, den Bau für flüssige Wirtschaftsdüngerlager in Ackerbauregionen, die bodennahe Gülleausbringung sowie für umweltschonende Pflanzenschutztechnik. Außerdem sollte der automatische Übergang vom Acker- zum Grünlandstatus nach fünf Jahren Brache abgeschafft werden, weil diese Regelung nur zu einem sinnlosen Umpflügen nach vier Jahren führen würde. Eine Pflanzenschutzabgabe erscheine ebenso wenig zielführend.

Es sei zu bedenken, daß der Ökolandbau für die gleiche Menge die dreifache Fläche benötige. Er plädierte für einen deutlichen Ausbau des Vertragsnaturschutzes (z.B. Stilllegen von Moorflächen auf Ackerland als Beitrag zum Klimaschutz). Einig waren sich die gut vierzig Teil- nehmer, daß die Landwirtschaft offen für neue Techniken sein sollte und als führendes Agrarland diese selbst in Gang setzen müsse.

Wilken von Behr, der Verwalter des gastgebenden Gutes Rixdorf des Grafen Westphalen, stellte dazu einleitend ein eigenes Innovationsprojekt vor. Die Umrüstung der Biogasanlage als Spitzenlastkraftwerk: Dieses liefere nur noch selten Strom, dafür erziele man jetzt aber das
Zehnfache der Preise. Der übrige Strom fließe jetzt in einen Wärmespeicher, so daß man 83 Prozent der Energie als Wärme erziele. Zusammen mit dem Strom erreiche man jetzt 97 Prozent und demnächst sogar 100 Energieausbeute. Dafür habe man die Software der Maschinensteuerung neu schreiben müssen, und der Gasmotor sei permanent vorzuheizen. Mit der Wärme versorge man 90 angeschlossene Häuser in der Umgebung./BZ