08. Juni 2018
Junger Wirtschaftsrat zu Gast im Hause der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG
Die fünfte industrielle Revolution
Die Digitalisierung erwirkt nicht nur disruptive Umbrüche in gewachsenen Märkten, sondern ebenso technische Fortschritte, die neue technologische Entwicklungen beflügeln. Zugleich weisen die Ausschläge bei den Wagniskaptialfonds in den U.S.A. auf einen Innovationsschub in der Agrartechnik hin. Es spricht Einiges dafür, daß die fünfte industrielle Revolution aus der Biologie kommen und deutlich mehr Branchen befruchten wird.
v.l. Prof. Dr. Christian Jung Dr. Maike Lorenz, Prof. Dr.-Ing. Heiko Hamann, Dr. Philipp Ciba, Dr. Gunhild Leckband, Tobias Loose MdL und Lars Osterhoff / Foto: Wirtschaftsrat

Vor diesem Hintergrund und mit dem Ziel, die deutsche StartUp-Kultur auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und frühzeitig über Chancen zu informieren, hat der Junge Wirtschaftsrat Wissenschaftler nach Hohenlieth eingeladen, wo die Norddeutsche Pflanzenzucht Hans Georg Lembke KG als innovatives Saatzuchtunternehmen großzügig die Gastgeberrolle übernahm. Thema: Ungeschöpfte biologische Potentiale. Zuvor stellte die Leiterin Züchtungsinnovation und Sortenzüchtung der NPZ-Gruppe, Dr. Gunhild Leckband, das
gastgebende Unternehmen mit seinen ca. 270 Beschäftigten in Norddeutschland und eine Auswahl von Projekten aus den betrieblichen Züchtungsforschungen vor, die nicht nur den Ertrag, sondern auch die Nährstoffeffizienz, Resistenzen, Saatgutqualitäten und Inhaltstoffe entwickeln möchten. Die Teilnehmer zeigten sich sehr beeindruckt von der Forschungsintensität der Unternehmensgruppe und der Breite des Spektrums der Entwicklungsprojekte.

Aus der Wissenschaft eröffnete Dr. Maike Lorenz, Kuratorin der Sammlung von Algenkulturen der Universität Göttinger (SAG), die Vorträge. Sie stellte zunächst klar, daß Algen ein Sammelbegriff sei, der nicht nur Pflanzen, sondern u.a. auch Pilzarten oder Augen-, Schwanz- oder Wimpertierchen umfasse. Zu unterscheiden seien marine Makroalgen, z.B. Rot- oder Braunalgen, aus denen in Algenfarmen Carrageene oder Algine für Lebensmittelzusatzstoffe, aber auch für medizinische Zwecke gewonnen werden. Die SAG extrahiere dagegen Mikroalgenstämme, wovon es weltweit schätzungsweise 400.000 verschiedene gäbe. Davon seien bisher nur 10.000 in Reinkultur reproduzierbar. Die SAG pflege gut 2.200 und versende diese auf Anfrage für Schulen und Forschungszwecke gegen Gebühr. Einen Überblick liefere die Online-Datenbank unter www.epsag.uni-goettingen.de. Zehn Prozent der Anfragen kämen aus dem kommerziellen Bereich, wie z.B. von einer Dachdeckerfirma, die biofilmresistente Pfannen entwickeln will. Für letztere hätte man erst einmal im Rahmen eines Forschungs-projektes klären müssen, welche Arten dort gewöhnlich siedeln. Das Feld der Mikroalgen sei noch weitgehend unerforscht, obgleich die Anwendungsmöglichkeiten breit gefächert seien: Von der primären Futterproduktion über das Färben z.B. von Fischen, die Extraktion von Vitaminen oder ungesättigten Fettsäuren, die Düngung bis hin für Zwecke des Umwelt-monitoring oder der Produktion regenerativer Energieträger wie Wasserstoff oder Ethanol. Lorenz sieht noch weitere Nutzungspotentiale wie im Bereich Antifouling, Gefrier- oder auch UV-Schutz.

Dr. Philipp Ciba betreut die Deutsche Zellbank für Wild- und Nutztiere „Alfred Brehm“ der Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie und Zelltechnik, die tierische Stammzellkulturen erforscht und nutzbar macht. Die massenhafte Zellvermehrung und Gewebeherstellung findet z.B. in der regenerativen Medizin Anwendungsfelder wie die Regeneration von Knorpeln und Haut, aber auch anderer Organe. Die Cryo-Brehm sammelt dagegen Zellkulturen von Tieren, die nahe dem Kelvin-Nullpunkt eingefroren und so langfristig erhalten werden können, wofür man mit einer Reihe von Zoos wie der Arche Warder oder dem Tierpark Hagenbeck kooperiere. Ziel sei nicht nur die langfristige Bewahrung, sondern auch eine nachhaltige Nutzbarkeit.

Prof. Dr. Heiko Hamann von der Universität zu Lübeck kommt dagegen nicht aus der Biologie, sondern aus der Informatik und berichtet über europäische Forschungen für eine Symbiose von Robotern und Pflanzen. Im Grundlagenforschungsprojekt „flora robotica“ hätten sich Informatiker, Biologen, Mechatroniker und Architekten zusammengefunden, um Bauwerke wachsen zu lassen. So ganz ungewöhnlich sei dies nicht. Bewohner im Dschungel ließen beispielsweise Brücken aus Lianen wachsen. Neu sei der Einsatz von Robotern. In Verbindung mit Tieren gäbe es bereits vielfältige Anwendungen, und mit Blick auf den Menschen werde derzeit viel geforscht, bei den Pflanzen stehe man indes noch ganz am Anfang. Die Vorteile liegen auf der Hand: Pflanzen schaffen wohlige Atmosphären und wachsen praktisch kostenlos und ohne Umweltbelastung, wenn man vom Einsatz des Roboters absieht. Für erste Versuche habe man Kletterbohnen mit blauem Hochleistungs-LED-Licht rautenförmig zwei Meter hochdirigiert. Vibrationen mögen sie nicht. Später sollen die Pflanzen ihre Wünsche nach Wasser und Licht an die Roboter signalisieren, damit diese sie optimal versorgen. Bis zu gewachsenen Häusern und von Drohnenschwärmen versorgten Städten ist der Weg zwar noch weit. Dafür scheinen die Möglichkeiten für neue Entwicklungen noch unermeßlich.

Als viertes berichtete Prof. Dr. Christian Jung über Biotechnologien zur genetischen Verbesserung von Nutzflächen. Der Leipniz-Preisträger aus dem Jahr 2005 brachte allerdings niederschmetternde Botschaften für die Biotechnologie am Standort Deutschland. Während um die Jahrtausendwende die genehmigten Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen schnell bis auf 500 pro Jahr hochgeschnellt waren, setzten anschließend systematische Feldzerstörungen den Entwicklungen ein brutales Ende. Die letzten drei Versuche in Deutschland datieren auf das Jahr 2012, seitdem sei der Standort Deutschland mausetot. Und wenn man sich die Programme der Parteien anschaut, dann lehnen nicht nur die Linken und die NPD grüne Gentechnik ab, sondern ebenso die SPD, die Grünen und selbst die CSU. Die CDU habe im Jahr 2009 eine sachliche Diskussion gefordert und wollte die Forschungs-kompetenz erhalten. Das Gegenteil sei eingetreten, obgleich im selben Jahr eine gemeinsame Erklärung von 100 Nobelpreisträgern und eine aller namhaften deutschen Wissenschaftsorganisationen vor dem nachhaltigen Schaden für den Forschungsstandort Deutschland gewarnt hatten. Inzwischen seien alle forschenden Unternehmen in die U.S.A. oder in andere europäische Staaten, wie z.B. in die Niederlande oder nach Schweden, abgewandert. Die Entwicklung sei nicht nur fatal, weil derweil die weltweiten Anbauflächen gentechnisch veränderter Pflanzen sich in den letzten beiden Jahrzehnten auf inzwischen über 180 Millionen Hektar mehr als verzehnfacht haben, sondern auch, weil es in der Methoden-vielfalt von Züchtungstechniken bis hin zur lupenreinen Gentechnik ein fließendes Spektrum gebe, das die Geschwindigkeit des Zuchterfolges beschleunige, aber nicht die Qualität der Ergebnisse. Für unsere Natur und Umwelt sei es vollkommen unerheblich, ob eine ideale Pflanze durch klassische Züchtungstechniken oder z.B. durch eine erhöhte Mutations-auslösung beschleunigt entwickelt werden konnte. Leider dominiere in Deutschland in dieser Frage politische Agitation auf der Basis von Unkenntnis und Angst, weshalb der Standort auch in absehbarer Zukunft keine Perspektiven für die weltweite biotechnologische Forschung bieten wird.

Lars Osterhoff, Sprecher des Jungen Wirtschaftsrates, der zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte, stellte abschließend fest, daß Schleswig-Holstein im Bereich Zellforschung über hervorragende Expertisen und Forschungseinrichtungen verfüge. Wichtig für die Zukunft des Standortes sei nicht nur ein politisches Umdenken bei der Gentechnik, sondern auch eine Ausrichtung der StartUp-Kultur auf die unternehmerischen Chancen dieser nächsten großen Innovationswelle, die sich für die Biotechnologie weltweit deutlich abzeichne./Dr. Bertram Zitscher