Deutschland kann mehr!

Die Umsetzung der digitalen Agenda geht in Deutschland nicht schnell genug. Unabdingbare Voraussetzung dafür, dass digitale Geschäftsmodelle stärker in die Wirtschaft Einzug halten. Gleichzeitig braucht es attraktivere Rahmenbedingungen für Gründer.

Das digitale Deutschland nimmt Gestalt an. Kaum ein Bürger mehr, dessen Alltag nicht von einem Smartphone begleitet wird, immer mehr Unternehmen, die die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung erkennen und konsequent wahrnehmen. „Unsere digitale Wettbewerbsfähigkeit ist längst zum entscheidenden Standortfaktor geworden“, konstatiert Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates. Zugleich gilt aber auch: „Von einem ‚digitalen Wirtschaftswunder‘ ist Deutschland noch weit entfernt.“

Der mahnende Befund des Generalsekretärs wurde kürzlich von der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) in ihrem Jahresgutachten bestätigt. Danach hat sich bei der Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE) in den vergangenen zehn Jahren zwar viel getan. Wirtschaft und Staat investieren inzwischen drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in FuE. Ein schöner Erfolg. Aber in den kommenden Jahren sollte die Quote auf 3,5 des BIP zulegen, um weltweit vorne mitzuspielen. Der Wirtschaftsrat setzt sich deshalb für eine Steuergutschrift in Höhe von zehn Prozent der FuE-Ausgaben für Unternehmen ein, und zwar unabhängig von der Unternehmensgröße. Die EFI-Fachleute stellen außerdem fest, dass Deutschland bei der Digitalisierung in fast allen Bereichen im internationalen Vergleich noch immer hinterherhinkt. Insbesondere machten die Forscher einen starken Nachholbedarf für Investitionen in IKT-Unternehmen und innovative Start-ups aus. Seit Jahren ist die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland rückläufig, Investoren stecken weniger Geld in deutsche Start-ups, und der Gesamtwert der Risikokapitalinvestitionen sinkt.

In einem aktuellen Ranking der Weltbank landet Deutschland bei der Gründungsaktivität unter 189 untersuchten Ländern nur auf Platz 114. Ein alarmierender Befund. „Ziel muss es sein, den Gründergeist in Deutschland neu zu beleben", bilanziert Steiger. „Ein wirtschaftlich erfolgreiches Deutschland muss Vorreiter der Digitalisierung in Europa und der Welt werden, um im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe zu bestehen und zukunftsfähig zu sein.“

 

Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbandes deutsche Startups, drückte es auf dem Wirtschaftstag der Innovationen des Wirtschaftsrates Mitte Februar in Berlin so aus: „Start-ups sind noch immer zu sehr vom Staat oder von Investitionen aus dem Ausland abhängig.“ Insbesondere die Wachstumsfinanzierung bereitet jungen Unternehmen ernsthafte Schwierigkeiten. In der Gründerszene spricht man vom „Tal des Todes“, wenn es darum geht, eine erfolgreiche Geschäftsidee nach einer geglückten Gründungsphase zu skalieren, also in einen größeren Maßstab, zum Beispiel auf internationale Märkte, auszuweiten. Zwar sorgten Business Angels, Wagniskapitalgeber oder öffentliche Förderprogramme inzwischen recht gut dafür, gute Geschäftsideen zu Beginn, in der so genannten Seed-Phase, mit dem benötigten Kapital auszustatten, hat Nöll beobachtet. Müssen aber zwei oder drei Millionen Euro für den nächsten Wachstumsschub aufgebracht werden, werde es schwer. Deutsche Investoren halten sich zurück, und für die meisten Kapitalgeber aus Übersee wird es erst wieder bei Finanzierungsrunden in einer zweistelligen Millionenhöhe interessant. „Deshalb ist es gut, wenn die Bundesregierung an dieser Stelle eingreift und das Marktversagen ausgleicht“, meint Nöll. Er fordert gleichwohl, dass sich auch mehr private Kapitalgeber engagieren sollten. Deutschland investiere sein Geld nicht ausreichend dort, wo künftiges Wachstum entsteht. „Das müssen wir dringend ändern, weil wir im Hightech-Bereich eben nicht Weltmarktführer sind. Wir müssen aufschließen, und das schafft man nur mit mutigen Investitionen“, ist der Start-up-Experte überzeugt. Der Wirtschaftsrat fordert deshalb attraktive steuerliche Impulse für Wagniskapitalgeber. Die angekündigte Einrichtung des „Tech Growth Funds“ durch die Bundesregierung ist zwar ausdrücklich zu begrüßen. Aber es sind weitere Steueranreize für Start-ups nötig. Großbritannien bietet ein gutes Vorbild: Kapitalgeber bekommen eine Einkommensteuervergünstigung von 30 bis 50 Prozent ihrer Investitionen. Veräußerungsgewinne und -verluste werden ebenfalls steuerlich begünstigt. Das regt Investitionen an.

 

Auch ein Abbau von bürokratischen Hürden für Start-ups bleibt auf der politischen Agenda. Hierzulande wendet ein Gründer im Schnitt mehr als zehn Tage für die Formalitäten im Zuge einer Unternehmensgründung auf. Viel zu viel: In Kanada haben junge Unternehmer die nötige Bürokratie in 1,5 Tagen erledigt. Die öffentliche Hand könnte Gründer in Deutschland zusätzlich bei öffentlichen Ausschreibungen besser unterstützen; ganz einfach, indem sie für marktwirtschaftliche Chancengleichheit sorgt.

Wolfgang Steiger macht auf einen weiteren wichtigen Punkt für das digitale Fortkommen der Bundesrepublik aufmerksam: Der Ausbau der digitalen Infrastruktur muss rasch vorangetrieben werden. „Für die Zukunftsindustrien sind leistungsfähige Netze unerlässlich“, betont Steiger. „Deutschland muss auf der Landkarte technologiestarker Standorte prominent verankert sein!“ Bis spätestens 2025 sollte deshalb nach Auffassung des Wirtschaftsrates eine nahezu flächendeckend verfügbare Gigabitinfrastruktur aufgebaut werden. Glasfasernetze und 5G-Netze sind für die Wirtschaft unerlässlich, um die Nutzung und Erprobung zeitgemäßer Anwendungen mit hohen Datenvolumina zu gewährleisten. Die Stichworte lauten: Autonomes Fahren, E-Health und Industrie 4.0. Michael Bültmann, Geschäftsführer der Here Deutschland GmbH, erläuterte auf dem Wirtschaftstag der Innovationen, warum für das autonome und vernetzte Fahren kurze Latenzzeiten der Netze besonders wichtig sind. Beispiel Autounfall: Ein Auto meldet einem Zusammenstoß automatisch digital, die Informationen werden in eine Cloud übertragen und sofort an die folgenden Autos und an Verkehrsleitsysteme übertragen. Das alles muss in Millisekunden passieren, damit die nachfolgenden Autos automatisch reagieren können. „Je schneller so etwas passiert, umso besser“, so Bültmann. „Wir wären schon froh, wenn wir mit LTE eine gute Abdeckung hätten. Damit kämen wir schon sehr weit.“ Aber: Für die Zukunft wird das nicht mehr ausreichen, insbesondere nicht für datengetriebene Geschäftsmodelle in der Industrie 4.0, die auf datenbasierte Systeme künstlicher Intelligenz (KI) setzen. Deshalb fordert Wolfgang Steiger: „Deutschland muss durch das Ausrollen des 5G Mobilfunkstandards zum Testlabor und Vorreiter der digitalen Infrastruktur der Zukunft werden.“

 

Erheblichen Nachholbedarf macht der Wirtschaftsrat ferner bei der öffentlichen Verwaltung aus. Dabei sollte eine leistungsfähige, digital vernetzte Administration für die größte Volkswirtschaft im Herzen Europas eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Sie hat schließlich Vorbildcharakter für die digitale Transformation der Gesellschaft. Der tatsächliche Befund fällt jedoch ernüchternd aus: Im EU-weiten eGovernment-Vergleich findet sich die Bundesrepublik auf einem sehr bescheidenen 18. Platz wieder. „Unser Land belegt Spitzenpositionen, wenn es um Wachstum und Beschäftigung geht, aber im Bereich der digitalen Verwaltung befinden wir uns nach wie vor im analogen Tiefschlaf“, kritisiert Steiger. Gut, dass die Bundesregierung hier Initiative zeigt. Aber die Uhr tickt. Ziel muss es sein, die eGovernment-Strukturen von Bund, Ländern und Gemeinden zügig zu verbinden und nutzerfreundliche Anwendungen für die Bürger zu entwickeln. Mittelfristig sollte die öffentliche Verwaltung kein Standortnachteil mehr sein, sondern sich durch mehr Effizienz und Entbürokratisierung zu einem Standortvorteil entwickeln. Im Memorandum „Deutschland kann mehr!“ macht sich der Wirtschaftsrat schließlich für ein „Ende der Kreidezeit“ in den Schulen und Universitäten stark. Konkret: Digitales Lernen muss fester Bestandteil aller Schulfächer werden. Wirtschaft und Informatik sollten spätestens ab der ersten Grundschulklasse zu Pflichtfächern werden. Und mit einem kostenfreien, aber verpflichtenden Vorschuljahr sollte beim Übergang vom Kindergarten in die Schule für möglichst viel Chancengleichheit gesorgt werden. Denn eines ist klar: Die Weichen für Wachstum und Beschäftigung von morgen werden heute in den Schulen und Universitäten gestellt. Deshalb muss hier ganz besonders die Devise gelten: „Deutschland kann mehr!“

0 Kommentare

Ihr Kommentar zum Thema