05. Juli 2011
Landesfachkommission Mittelstandsfinanzierung
Der Einsatz von Derivaten in der Unternehmensfinanzierung - Spekulation oder Notwendigkeit ?
5. Thesenpapier der LFK Mittelstandsfinanzierung
Im März dieses Jahres sorgte ein Urteil des Bundesgerichtshofs für Aufsehen, nach dem eine große deutsche Bank zu Schadenersatz wegen Falschberatung beim Einsatz von derivativen Finanzinstrumenten gegenüber einem mittelständischen Unternehmen aus Hessen verurteilt wurde.

Was sind Derivate bzw. derivative Finanzinstrumente ?


Es handelt sich um Finanzgeschäfte, die sich aus der zukünftigen Entwicklung eines sogennanten Basiswerts ableiten, etwa einem Zinssatz, einer Währung oder einem Rohstoffpreis.

 

Die Umsetzung erfolgt dabei entweder als Termingeschäft, als Option oder als Swap, wobei auch Kombinationen dieser Instrumente möglich sind.

 

Termingeschäfte sind Geschäfte über den Kauf bzw. Verkauf von Wirtschaftsgütern, die nicht unmittelbar nach Abschluss, sondern zu einem zukünftigen Zeitpunkt erfüllt werden. Termingeschäfte werden weiter in zwei Untergruppen eingeteilt:

 

Unbedingte Termingeschäfte: Hier müssen beide Vertragsparteien bei Fälligkeit die Vertragspflicht erfüllen (Zwangstauschgeschäft). Werden solche Verträge außerbörslich gehandelt, nennt man sie Forwards, werden sie in standardisierter Form an Terminbörsen gehandelt, heißen sie Futures.

 

Optionen sind bedingte Termingeschäfte. Bei Optionen entscheidet eine der Vertragsparteien per Kaufwahlrecht (Call-Option) bzw. Verkaufswahlrecht (Put-Option), ob zu den vertraglich fixierten Bedingungen das Tauschgeschäft, in der Regel Geld gegen Vermögensgegenstand, ausgeführt wird oder die Option verfällt.

 

Swaps sind bilaterale Vereinbarungen über den Tausch von Zahlungsströmen, etwa feste Zinsen gegen variable Zinsen. Der zugrunde liegende Kredit wird dabei nicht getauscht.

 

Diese Instrumente lassen sich einsetzen, um Zinserträge bzw. -aufwendungen, Währungsgeschäfte und Rohstoffkosten besser zu planen und möglichst zu optimieren und sich gegen Schwankungen dieser Größen abzusichern.

 

Will man zum Beispiel ein in eigenem Besitz befindliches Gut gegen zukünftige Preisschwankungen absichern, verkauft man es per Termin oder erwirbt eine Put-Option. Auch kann man den Verkaufspreis zukünftig zu produzierender Güter (zum Beispiel Getreide) oder den Einkaufspreis zukünftig benötigter Rohstoffe (zum Beispiel Erdöl, Metalle) absichern, was die Kalkulation erleichtert. Die Absicherungsinstrumente lassen sich maßgeschneidert an die Bedürfnisse der Anwender anpassen und erlauben so eine zielgerichtete Steuerung von Marktpreisänderungsrisiken.

 

Derivate sind nicht per se risikoreicher als Kassageschäfte. Denn Derivate unterliegen der Art nach denselben Marktrisiken wie die zugrunde liegenden Kassageschäfte und auch dem Ausmaß nach erzeugen Derivate keine Risiken, die in gleicher Weise nicht schon an den Kassamärkten existieren würden. Bei Absicherungsgeschäften bieten Derivate verschiedene Vorteile gegenüber Kassageschäften in den Basiswerten. Sie erfordern zunächst einen geringeren Liquiditäts- und Kapitaleinsatz als Kassageschäfte. Außerdem entfallen Lieferungs- und Lagerkosten. Auf Grund des geringeren Kapitaleinsatzes verfügen Derivaten allerdings über einen Hebeleffekt (Leverage), so dass Derivate überproportional an Preisschwankungen des Basiswertes partizipieren. Bei Kassageschäften mit dem Basiswert stellt sich ein vergleichbarer Effekt durch eine Fremdfinanzierung ein.

 

Ob Derivate zur Absicherung oder zur Spekulation eingesetzt werden, lässt sich an der Konnexität zu einem vorhandenen Grundgeschäft erkennen. Diese ist gegeben, wenn das Unternehmen die abgesicherten Rohstoffe liefern oder beziehen muss, die abgesicherte Währungszahlung leisten muss oder diese eingehen wird oder die abgesicherte Zinszahlung erhalten wird bzw. erbringen muss. In allen diesen Fällen ist aktives und bewusstes Handeln stets besser, als Marktschwankungen hilflos ausgeliefert zu sein. Dies setzt bei den Kontrahenten das Wissen über die Mechanismen und Wirkungsweisen der Instrumente voraus, was ohnehin stets der Fall sein sollte. Eine hilfreiche Fragestellung ist dabei stets:

 

„Wie ist der aktuelle Marktwert des Kontrakts und unter welchen Prämissen ändert er sich wie ?“

 

Zu jeder Marktmeinung muss es jedoch stets eine entgegenstehende geben, sonst gäbe es keinen Verkäufer der benötigten Derivate. Die verkaufende Bank geht im Regelfall nicht das Risiko der Gegenpartei ein, sondern deckt sich im Markt mit der Gegenposition ein. In vielen Fällen wird diese von Marktteilnehmern eingenommen, die keine Absicherungsbedürfnisse haben, sondern spekulative Absichten. Daran ist nichts Schlechtes, sorgen diese Marktteilnehmer doch für die Liquidität des Marktes und erlauben so den Unternehmen, die tatsächlichen Absicherungsbedarf haben, diesen auch zu decken.

 

Jedoch dürfen die Kräfte, die zur Finanz- und Bankenkrise geführt haben, nicht erneut aufblühen. Die G20-Staaten müssen deshalb gerade bei der Regulierung von Derivaten mehr Tempo machen und Transparenz schaffen. Dazu müssen so viel Finanzderivate wie möglich über geregelte Transaktions-Plattformen gehandelt werden.

 

Fazit: „Wer Derivate nicht nutzt, ist ein Spekulant.“ Unternehmen, die schwankenden Zinsen, Devisenkursen oder Rohstoffpreisen ausgesetzt sind, tun gut daran, sich dagegen durch den planvollen Einsatz von Derivaten abzusichern, um Kalkulationssicherheit zu gewinnen.