27. September 2016
Landesfachkommission Immobilienwirtschaft
Denkmalschutz als Geschmackssache?
Diskussion mit Oberbaudirektor Prof. Dipl.-Ing. Jörn Walter
Vier markante Gebäude, graue Faserzementplatten, gelbes Dachgeschoss. Schandfleck oder historisches Merkmal der Stadt? Nach langem Ringen steht fest: Die City-Hof-Hochhäuser sollen 2018 abgerissen werden. Der entstehende Freiraum wird für Neubauten mit Büros, Wohnungen und einem Vier-Sterne-Hotel genutzt. Über Jahre hatte sich diese Entscheidung hingezogen. Und noch immer ist sie umstritten: Man spricht von „Gutsherrenmentalität“ und Ausschluss der Öffentlichkeit.
Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Dipl.-Ing. Jörn Walter (Foto: Wirtschaftsrat)

Denkmalschutz ist und bleibt umstritten. Ein vehementer Befürworter der Neugestaltung der City-Höfe ist Prof. Dipl.-Ing. Jörn Walter. In seiner Funktion als Oberbaudirektor der Hansestadt Hamburg steht er sowohl Zentrum des Medieninteresses als auch im Fokus der Stadtpolitik. Am 27. September 2016 diskutierte der Stadtplaner mit der Landesfachkommission Immobilienwirtschaft über den Denkmalschutz in Hamburg. Dabei ging er ebenso auf historische Zusammenhänge wie auch aktuelle Tendenzen ein.

 

Der Ursprung des Denkmalschutzes liege in der Zeit der Romantik. Damals habe eine Rückbesinnung auf das Mittelalter dazu geführt, dass Burgen und Schlösser als schützenswert empfunden wurden. Die Geschichte habe dabei gezeigt, dass die Werturteile dem Zeitgefühl unterliegen. So seien in unterschiedlichen Epochen und Zeiten andere Prioritäten gesetzt worden.

 

Grundsätzlich folge der Denkmalschutz heute einem wissenschaftlichen Ansatz: Um als Denkmal zu gelten, müsse ein Gebäude einen gewissen Zeugniswert aufweisen. Die entsprechenden Prüfkriterien, wie z.B. Seltenheitswert und künstlerische Klasse, stünden dabei fest. Insbesondere durch die umfassende Zerstörung im Zweiten Weltkrieg seien viele „ältere“, unzerstörte Gebäude unter Denkmalschutz gestellt worden, da ihr Seltenheitswert stark angestiegen sei. Nichtsdestotrotz herrsche auch heute bei vielen Entscheidungen kein Konsens. Zum Beispiel sei es umstritten, ob originalgetreue Wiederaufbauten überhaupt als Denkmal gelten sollen. Qualitativ und inhaltlich habe sich der Denkmalschutz dazu stark verändert, weshalb er in manchen Bereichen wählerischer werden müsse. Allerdings sei in unserem Rechtsstaat immer die Möglichkeit gegeben, dass ein Gericht als letzte Instanz zur Klärung des Sachverhalts angerufen werden könne. Wirklich wichtig sei zudem – auch mit Verweis auf die City-Höfe – das die Schwerpunktsetzung kontinuierlich hinterfragt werde. Insgesamt komme der Bewahrung von Kulturgut eine herausragende Bedeutung zu.

Sitzung in der Landesgeschäftsstelle des Wirtschaftsrates Hamburg (Foto: Wirtschaftsrat)

Walter betonte, dass sich mit der Novellierung des Hamburger Denkmalschutzgesetzes 2013 Veränderungen im Prozess der Definition eines „Denkmals“ ergeben hätten. Neu sei die Einführung des „Ipsa-Lege“-Prinzips, wonach die Denkmaleigenschaft unmittelbar aus dem Gesetz folgt und nachträglich in die Denkmalliste eingetragen wird, sodass ein gesondertes Unterschutzstellungsverfahren entfällt. Damit sei für den Hausbesitzer eine „gewisse Unsicherheit“ entstanden, da sich bei jedem Gebäude die grundsätzliche Frage stelle, ob es sich um Denkmal handele oder nicht. Eine Ersteinschätzung könne ohne Gutachten anhand fester Kriterien vorgenommen werden. Jedoch stünde selbst bei den auf der Denkmalliste stehenden Gebäuden nicht endgültig fest, dass sie den Denkmalstatus erhalten werden. Erst ein Gutachten kann eine hinreichende Entscheidungsgrundlage liefern.

 

Der Oberbaudirektor steht den Änderungen nichtsdestotrotz gelassen gegenüber: Das Prinzip würde in vielen anderen Bundesländern schon lange angewandt, sodass Hamburg auf einen weitreichenden Erfahrungsschatz zurückgreifen könne. Der Denkmalrat sei dabei als Beratungsorgan gut geeignet. Allerdings könne er nicht alles leisten. Wichtig wäre es, die konkreten Prüfungen auszuweiten, wodurch die Immobilienbesitzer ein höheres Maß an Sicherheit erhalten würden.

Bereits zu Jahresbeginn hat die Landesfachkommission Immobilienwirtschaft das Positionspapier „Zur Reform des Hamburgischen Denkmalschutzes“ vorgestellt. Das Papier gibt Impulse für eine effizientere Gestaltung des Hamburgischen Denkmalschutzes. Aus Sicht der Kommission muss das Ziel sein, für mehr Rechtssicherheit und Verfahrensbeschleunigung zu sorgen. Wie auch Oberbaudirektor Walter betonte, entwickeln sich Ansichten schnell weiter. Während jetzt noch über die City-Hochhäuser aus Ende der 1950er Jahre diskutiert wird, rücken gleichzeitig schon Bauten der 1980er Jahre in den Fokus hinsichtlich Renovierungs- und Umgestaltungsbedarf.

Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
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