09. Mai 2016
STORMARNER WIRTSCHAFTSFORUM
Das Trugbild zwischen Arm und Reich
Auf dem diesjährigen Stormarner Wirtschaftsforum am 09. Mai 2016 im Jagdschloß Malepartus verwies Sektionssprecher Uwe Möllnitz in seiner Begrüßung auf das von Marcel Fratzscher verfaßte Buch „Verteilungskampf – Warum Deutschland immer ungleicher wird“, in welchem er den von Ludwig Erhard geforderten Wohlstand für alle als gefährdet beschreibt. „Bei solchen Aussagen und der derzeitigen medialen Ausschlachtung dieses Themas kann und darf der Wirtschaftsrat nicht länger weghören“, so Möllnitz.

Das Podium v.l. Dr. Andreas Ellendt, Dr. jens Boysen-Hogrefe, Moderator/Sektionssprecher Uwe Möllnitz, Dr. Judith Niehues und Olaf Birkner / Foto: Jens Meyer

„Es reicht in der heutigen Zeit nicht mehr aus, sich über die herkömmlichen Medien wie Zeitung oder Fernsehen zu informieren“, moniert Olaf Birkner. Als erfolgreicher Startup-Unternehmer in der ITBranche faszinieren ihn Globalisierung, technische Innovationen und die Auswirkungen auf die Menschheit. Er zitiert dazu den renommierten Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institute in Solna (Schweden), Hans Rosling. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Datenbanken der OECD und der Weltbank als interaktive Grafiken unter www.gapminder.org anschaulich aufzubereiten.

Befanden sich 1970 noch 38 Prozent der Weltbevölkerung (3,7 Milliarden) unter der von der UN definierten Armutsgrenze von einem Euro, so waren es 2015 nur noch 10 Prozent, bei einer Weltbevölkerung von 7,2 Milliarden Menschen. Dies entspricht bei einem Vergleich der absoluten Zahlen einer Halbierung der weltweit in Armut lebender Menschen innerhalb von 45 Jahren. „Bei einem derartigen Fortgang könnte schon 2030 die weltweite Armut verschwunden sein“, so Birkner. Und: „Die weltweite Schere hat sich mit großer Macht geschlossen.“

Dr. Judith Niehues, die sich als Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Rahmen ihrer Untersuchungen auf die Lage in Deutschland konzentriert, erklärt dessen Entwicklung auch mit einer Verlagerung der Wertschöpfung in andere Länder. Das erkläre aber noch nicht den angeblichen Widerspruch der nationalen mit der globalen Entwicklung. Hierzu sei festzustellen, daß die Wahrnehmung der Bundesbürger zur Einkommensverteilung in Deutschland nicht den Messergebnissen entspricht. Der Abstand zwischen Arm und Reich habe sich in den letzten zehn Jahren nach der Umsetzung der Hartz IV-Reformen nicht vergrößert, wenn man den Untersuchungen des SOEP folgt, welches über 30.000 Menschen in Deutschland regelmäßig zu ihren Einkommens- und Vermögensverhältnissen befragt. Dagegen entwickele sich das gesellschaftliche Gefühl entgegen der wissenschaftlichen Daten hin zu einer voranschreitend ungleichen Verteilung. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis einer Umfrage zur Einschätzung der gesellschaftlichen Aufteilung nach Einkommen und Vermögen, bei der Typ A und B am häufigsten ausgewählt werden.


Die Wissenschaft zeige keine Mehrheit der unteren Schichten, sondern die Form eines Kreisels, also eine starke Mittelschicht (Abbildung 3), während die falsche Wahrnehmung durch eine Berichterstattung getrieben werde, zu der auch seriöse Zeitungen durch Ummünzen von erfreulichen Nachrichten in schlechte Schlagzeilen beitragen würden.

In der anschließenden Podiumsdiskussion ergänzte Dr. Jens Boysen-Hogrefe, stellvertretender Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, daß der demographische Wandel die Ungleichheintsentwicklung in Zukunft stärker beinflussen werde als der Abstand zwischen Arm und Reich.  "Die Kluft zwischen Darstellung und Wirklichkeit ist das eigentliche Problem der heutigen Zeit. Dem können wir nur mit einer besseren Bildung begegnen“, mahnte Dr. Andreas Ellendt, stellvertretender Vorsitzender der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft Schleswig-Holstein.

„Das Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich auf globaler und nationaler Ebene ist also ein wissenschaftlich nicht belegbarer Mythos. Nun ist es die dringende Aufgabe des Wirtschaftsrates und der Politik, durch eine offensive Berichterstattung über die positiven Entwicklungen mittels anschaulicher, belegbarer Daten zu informieren und aufzuklären“, so Dr. Bertram Zitscher, Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein. Beispielhaft sei die Ausstattung der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten, die sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verbessert habe. „Am Ende steht auch die Frage, ob es sozial gerecht sei, die eigenen Bedürftigen stärker zu unterstützen, obgleich Arme in anderen Teilen der Welt viel mehr auf eine solche Hilfe angewiesen sind.“ / Heiko Kolz

Kontakt
Dr. Bertram Zitscher
Landesgeschäftsführer
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Schleswig-Holstein
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Telefax: 0431/ 672076