Brüssel – Berlin – Wien: European Energy Lab entwickelt vier Prioritäten

Drei Städte in Kerneuropa, zahlreiche Experten, vier Ergebnisse - das European Energy Lab des Wirtschaftsrates ist erfolgreich zu Ende gegangen. Das Gremium präsentiert vier Prioritäten für Europas Energiepolitik bis 2030.

Wie muss der EU-Energiemarkt der Zukunft ausgestaltet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Innovationsfähigkeit am Energie- und Industriestandort Deutschland und Europa zu stärken? – so lautete die Frage die rund 40 Experten aus Wirtschaft und Politik im Rahmen des European Energy Labs des Wirtschaftsrates diskutierten. Zu den einzelnen Workshops waren hochrangige nationale Experten eingeladen, um die Ideen der Teilnehmer des Workshops zu diskutieren und zu evaluieren. Diese Kernaussagen überreicht Präsident Werner M. Bahlsen auf der Klausurtagung Energie- und Umweltpolitik des Wirtschaftsrates dem EU-Kommissar für Klimapolitik und Energie, Miguel Arias Cañete.

  1. 1.    Kosteneffizienter Klimaschutz braucht ein wirksames marktbasiertes CO2-Preissignal

 

Die Vermeidung von Treibhausgasen in allen Sektoren muss das zentrale europäische Ziel sein. Der Zubau Erneuerbarer und die Steigerung von Energieeffizienz sind kein Selbstzweck, sondern sollen der Erfüllung des CO2-Reduktionszieles dienen. Oberste Maßgabe sollte sein, europäische und daraus abgeleitete nationale Klimaschutzziele maximal kosteneffizient und marktwirtschaftlich zu erreichen.

 

  • Europäische CO2-Vermeidungsinstrumente sollten auf weitere Sektoren und Wirtschaftsräume ausgedehnt werden. Eine maximale Anschlussfähigkeit zu den Instrumenten anderer Staaten und Wirtschaftsräume muss dafür sichergestellt werden. Solange nicht mindestens ein einheitliches CO2-Preisniveau auf G20-Niveau besteht, sollte für die im internationalen Wettbewerb stehende effiziente Industrie eine Entlastung gewährleistet werden.
  • Der Europäische Emissionshandel (ETS) sollte als zentrales Leitinstrument gestärkt werden. Er gibt ein mit den Klimazielen der EU im Einklang stehendes CO2-Preissignal im Sinne eines Level-Playing-Fields vorgibt. Jede Form der Stärkung des ETS muss maximale Planungssicherheit für einen vorgegebenen ausreichend langen Zeitraum gewährleisten.
  • Die Menge der verfügbaren CO2-Zertifikate sollte durch einen klar definierten linearen Reduktionsfaktor im Einklang mit den CO2-Einsparzielen der EU für das Jahr 2030 angepasst werden. Alternativ gilt es, die Zertifikatanzahl durch eine einmalige Entnahme von Zertifikaten mit demselben Ambitionsniveau anzupassen.
  • Nationale Sonderziele für Klimaschutz sind kontraproduktiv und sollten daher entfallen. In jedem Fall müssen sich temporär existierende nationale Ziele auf den Non-ETS-Sektor beschränken.

 

 

  1. 2.    Ein zunehmend erneuerbares Energiesystem erfordert mehr Anpassungsfähigkeit von Verbrauchern und Erzeugern

 

Um Erneuerbare effizient in den Markt und das System zu integrieren, gilt es, die Flexibilität auf der Erzeugungs- und Verbrauchsseite zu steigern. Ziel sollte es sein, die Energiesektoren zu verzahnen, um die Anpassungsfähigkeit des gesamten Energiesystems zu verbessern. Flexibilisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss zur Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit am Industriestandort Deutschland und Europa einen Beitrag leisten.

 

Forderungen

 

  • Um Versorgungssicherheit und die Anpassungsfähigkeit von Verbrauchern und Erzeugern kosteneffizient zu gewährleisten sowie die Nachfrage nach Flexibilität zu steuern, muss ein verlässlicher Rahmen für Marktpreissignale etabliert werden.
  • Parallel zur Stärkung des CO2-Preissignals muss die Marktintegration Erneuerbarer konsequent vorangetrieben werden. Auktionen sollten zuerst nur noch technologieübergreifend und dann nur noch europäisch erfolgen. Der Bestandsschutz für Altanlagen muss gewährleistet bleiben. Gleichzeitig sollten flexible Modelle entwickelt werden, um Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen stärker am Markt teilnehmen zu lassen.
  • Oberste Maßgabe ist, Flexibilität marktwirtschaftlich und technologieoffen zu steigern. Hierzu bedarf es Schnittstellen zwischen den Sektoren und eines level-playing-fields. Steuern und Abgaben dürfen die Verhältnisse der Marktpreise von Flexibilitätsoptionen dabei nicht verzerren.
  • Um den Echtzeitdatenaustausch zwischen Aggregatoren, Netzdienstleistern und Endverbrauchern zu ermöglichen, sollte die Standardisierung des notwendigen Datenaustauschs konsequent vorangetrieben werden.

 

  1. 3.    Digitalisierung braucht einen “bottom-up Rahmen” für Innovationen! 

 

Um das zunehmend dezentrale Energiesystem effizient zu koordinieren und die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, sind ein gesicherter Datenzugang und sichere Datenkommunikation zwischen den verschiedenen Marktteilnehmern eine Grundvoraussetzung. Oberste Zielsetzung muss es sein, neue Geschäftsmodelle und Innovationen zu ermöglichen und gleichzeitig Versorgungssicherheit und Datenschutz zu gewährleisten.

 

Forderungen

 

  • Mit Blick auf die Ausweitung des „Internet of Things“ (IoT) sollten europäische Mindeststandards für Sicherheit, Datenschnittstellen und Datenschutz definiert werden, um neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services zu ermöglichen und bestehende Infrastruktur verlässlich gegen Missbrauch zu schützen.
  • Damit Energiedaten sicher, verschlüsselt und nahezu in Echtzeit gespeichert und freigegeben werden können, sollte eine Plattform nach dem Modell „US Green Button Initiative“ etabliert werden. Dies schafft Transparenz und legt die Basis für neue Dienstleistungen und Produkte. Der Dateneigentümer allein muss entscheiden können, wer seine Daten wie nutzt.
  • Um die Forschung und Entwicklung digitaler Produkte und Services voranzutreiben und ihre Umsetzung zu testen, sollten groß angelegte Pilotvorhaben im Rahmen von „Schaufensterprojekten“ initiiert werden.
  • Mit dem Ziel Unternehmen durch Wissensaufbau im Bereich Digitalisierung bei der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle zu unterstützen, sollten branchenübergreifende Netzwerke mit breit angelegten Informationsprogrammen etabliert werden. Zudem müssen bürokratische Hürden für „interne Startups“ in Unternehmen minimiert und eine Gleichbehandlung mit „Nicht- Konzernunternehmen“ sichergestellt werden.

 

  1. 4.    Der EU-Binnenmarkt benötigt einen beschleunigten Netzausbau!

 

Der nationale und europäische Netzausbau muss konsequent beschleunigt werden, um Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit in einem zunehmend volatilen Energiesystem sicherzustellen. Mit dem Ziel die Ausbaukosten zu verringern sowie die Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, sollte die Akzeptanz bei Bürgern durch ökonomische Anreize und Partizipation erhöht werden.

 

Forderungen

 

  • Um einen diskriminierungsfreien Ausgleich und wachsenden Handel zu ermöglichen, gilt es, das EU-Ziel einer verbindlichen Vorhaltung von Kuppelkapazitäten zwischen Nachbarländern von mindestens 15 Prozent der installierten Leistung bis 2030 zu erreichen. Zur Überprüfung und Durchsetzung dieser Zielsetzung sollten ein Monitoring-Prozess aufgesetzt und regelmäßige Prognosen durchgeführt werden.
  • Mit dem Ziel mindestens in Regionen aus benachbarten Mitgliedstaaten freie Stromflüsse und freien Handel gemäß dem „Kupferplatten-Ansatz“ zu ermöglichen, sollten grenzüberschreitende regionale Netzentwicklungspläne erarbeitet und zusätzliche Kuppelkapazitäten bis 2050 vorgehalten werden.
  • Um die Akzeptanz des Netzausbaus zu steigern, gilt es, lokale Beteiligungsmodelle an Netzprojektanteilen zu erproben. Zudem müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren stets ein ausreichendes Maß an Partizipation von Bürgern ermöglichen, aber dennoch deutlich beschleunigt werden.

 

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