27. Februar 2018
Podiumsdiskussion der Sektion Neumünster im Best Western Hotel Prisma
Bildungsniveau unserer Schulabgänger: "Die Jugend ist anders"
Sinkt das Bildungsniveau unserer Schulabgänger? Auf diese Frage suchten drei Personalleiter bedeutender Unternehmen zusammen mit Kultusministerin Karin Prien unter der Moderation von Dr. Peter Rösner und gut vierzig Diskussionsteilnehmern eine Antwort.
v.l. Moderator Dr. Peter Rösner, Karsten Blank, Ministerin Karin Prien, Jürgen Evers, Sektionssprecher Holger Bajorat und Oberst Hauke Hauschildt / Foto: Wirtschaftsrat

Um es vorweg zu nehmen: Die heutige Jugend ist anders. Weniger schüchtern, sprunghafter und vorlauter, aber auch selbstbewußter und eigenständiger. Allerdings: Es gibt neben einem Wandel in den Sekundärtugenden auch einen Abfall der Leistungen in den schulischen Grundfertigkeiten, die in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein scheinbar stärker eingebrochen ist. Die Ursachen sind unklar. Neben der Schulpolitik dürfte die explosionsartige Verbreitung von Smartphones eine wesentliche Rolle spielen.

Oberst Hauke Hauschildt, Leiter Karrierecenter der Bundeswehr aus Hannover, hat den größten Überblick über den Markt: Die Bundeswehr stellt auf der Grundlage von 60.000 Bewerbungen jährlich 25.000 Soldaten und auf der Grundlage von weiteren 37.000 Bewerbungen 3.000 zivile Mitarbeiter ein. Dabei hätten sich die Eigenschaften der Jugendlichen von der Zeit der Babyboomer bis zur Generation Z deutlich verlagert. Weniger Kollektivismus, mehr Individualismus, mehr Wünsche für das Privatleben, eine größere Informiertheit und weniger Idealismus.


Die Struktur der Bewerber, bezogen auf Schulabschlüsse, sei zwar zwischen den Bundesländern graduell unter schiedlich, aber über die Zeit sehr stabil. Insgesamt seien die Tätigkeitsprofile bei der Bundeswehr vielfältiger und anspruchsvoller geworden, was sich auch bei dem Abiturientenanteil der Bewerber widerspiegle. Und der Frauenanteil steige deutlich, in den technischen Berufen allerdings auf sehr geringem Niveau. Vergleicht man die Verteilung von Testergebnissen, erhalte man ziemlich exakt die Gaußsche Normalverteilung.

Jürgen Evers, Leiter Ausbildung & Training der Covestro AG aus Leverkusen und Brunsbüttel, stellt jedes Jahr aus 300 bis 500 Bewerbungen ca. 40 neue Auszubildende ein, ganz überwiegend in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Während man seine Bewerber früher noch im Einzugsgebiet Dithmarschen/Steinburg suchen und finden konnte, habe man den Fokus in den letzten Jahren, auch mit Blick auf die demographischen Trends, auf Norddeutschland ausgeweitet und jüngst auf ein Online-Bewerbungsverfahren umgestellt, das in mehreren Phasen die Bewerber auswählt und in der Qualitätsprognose deutlich aussagekräftiger ist als Schulabschlüsse und Noten. Zuvor habe man über Jahre einen gleichbleibenden Einstellungstest angewandt, der einen leicht negativen Trend bei der Gesamtpunktzahl der Bewerber erkennen läßt: Von 63,1 im Jahr 2006 ist die Durchschnittspunktzahl der Bewerber auf 49,7 im Jahr 2015 gesunken.

Karsten Blank, Prokurist und Leiter Personal der Hass + Hatje GmbH aus Rellingen, sucht für das Unternehmen mit ca. 1.000 Beschäftigten Auszubildende für 12 Berufe. Seine Botschaft: Man braucht kein Abitur, um beruflich erfolgreich zu sein. Hass + Hatje übernehme 60 - 90 Prozent der Auszubildenden in ihren Betrieb und rekrutiere daraus auch ihre Führungskräfte. Bestnoten seien gar nicht unbedingt gewünscht, weil damit die Wahrscheinlichkeit eines späteren Studiums steige.

 

Wichtig seien allerdings Grundfertigkeiten wie Dreisatz, Gewichte, Maße und richtiges Schreiben. Beim Rechnen sei in den Jahren 2002 bis 2004 mit der Einführung des Taschenrechners an den Schulen ein erster starker Einbruch zu messen gewesen. Seit dem Jahr 2013 spüre man nun einen starken Einbruch bei der Rechtschreibung. Richtiges Schreiben sei im betrieblichen Umfeld unabdingbar und auch nicht mehr korrigierbar.Auf der anderen Seite sei seine Präsentation zu dieser Veranstaltung von einer Azubine im zweiten Lehrjahr eigenständig hergestellt worden. Solche Qualitäten wären vor Jahren keinesfalls zu erwarten gewesen. Insofern gelte: die Jugend von heute sei nicht schlechter, aber anders. Dennoch sei auf die Vermittlung von Grundfertigkeiten in der Schule zu achten. Den Rest könne man den jungen MEnschen im Betreib beibringen.

 

Ministerin Karin Prien, Ministerium für Bildung, wissenschaft und Kultur des LAndes Schleswig-Holstein, dankte für die Erkenntnisse aus den Vorträgen. Ja, es gäbe Fehlentwicklungen, die sie jetzt konsequent angehen würde. Das richtige Schreiben habe in der Grundschule wieder Gewicht erhalten. Dazu gehöre auch die Wiedereinführung einer gebundenen Schreibschrift. Auch beim Rechnen würden die Leistungsstandards wieder geschärft, und durch Schulnoten transparenter.

Aber es gehe auch um Bildung und Erziehung, wo ein Teil der Verantwortung auch wieder stärker bei den Elternhäusern zu verankern sei. Ein besonderes Augenmerk müsse zudem den Kindern mit Migrationshintergrund gestiftet werden, und bei der Inklusion brauche es eine breite gesellschaftliche Diskussion, wo die Grenzen liegen. Einem weiteren Abbau der Förderschulen habe sie deshalb zunächst einen Riegel vorgeschoben. Ein großes Lob zollte sie der dualen Ausbildung. Sie sei total begeistert von den Beiträgen der Wirtschaft für die Ausbildung der jungen Menschen, und hier liege auch ein Geheimnis für den besonderen Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland./BZ