06. April 2011
Arabien im Umbruch?
Prof. Udo Steinbach zu Gast beim Landesverband
Die Enthaltung im UN-Sicherheitsrat sei klug gewesen, verteidigte Prof. Udo Steinbach die in der Öffentlichkeit stark kritisierte Entscheidung der deutschen Regierung zur Einrichtung einer Flugverbotszone in Libyen. Einmischung bedeute Parteinahme, unterstrich der Islamwissenschaftler vor rund 150 Unternehmern im Hotel Steigenberger. Zwar sei es allgemeiner Konsens, dass die Herrschaft des libyschen Despoten Mummar al Gaddafi beendet werden müsse. Dies gebe die UN-Resolution jedoch nicht her.
Prof. Udo Steinbach Foto: Wirtschaftsrat

Ausgangspunkt für die Unruhen in den arabischen Staaten sei die Frustration breiter Teile der Bevölkerung über die ökonomische Situation und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit. Steinbach verglich die Region mit einem Heuhaufen, in den ein Feuer geworfen werde. Dennoch verliefen die gewaltsamen Aufstände und Revolutionen von Land zu Land unterschiedlich. Der Referent führte dies auf die jeweilige historische Entwicklung und den religösen Hintergrund zurück.

 

So sah er gute Chancen, dass Ägypten, Tunesien, Marokko und Algerien sich zu Demokratien entwickelten. In Saudi-Arabien seien die Unstimmigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten in die Betrachtung einzubeziehen. Der saudische König genieße ein so hohes Ansehen in der Bevölkerung, dass mit heftigen Auseinandersetzungen nicht zu rechnen sei. Steinbach warnte allerdings vor einem gefährlichen Machtvakuum, sollte König Abdullah wie befürchtet in nächster Zeit versterben. Eine Einmischung des Iran könnte auch für die vom Erdöl abhängige westliche Welt fatale Folgen haben.

Foto: wirtschaftsrat

Vor dem Hintergrund, dass die Aufstände nicht islamistisch motiviert gewesen seien, müsse die europäische Politik ihre Haltung zum Islam dringend überdenken. Zwar sei die Religion weiterhin ein politischer Faktor, zentrale Herausforderungen der arabischen Welt seien jedoch die ökonomische und die demographische Entwicklung. Auch der Frieden mit Israel sei für die Region von hoher Bedeutung. Steinbach war allerdings überzeugt, dass dieser nur unter massivem Druck der USA und Europas zu erreichen sei.

 

Bei den Wirtschaftsbeziehungen mit dem arabischen Raum gehe es um mehr als den reinen Handel. Die EU-Staaten hatten bereits 1995 in Barcelona die Initiative zur Kooperation im Mittelmeerraum ergriffen. Die Union für das Mittelmeer, im Juli 2008 in Paris begründet, könnte der richtige Weg sein zur Verwirklichung des von Steinbach geforderten "Mare Nostrum" - Meer der Mitte.