06. Mai 2014
Welche Differenzierungen braucht unser Schulsystem?
Podiumsdiskussion der Sektion Neumünster im Best Western Hotel Prisma
Inmitten der verschärften politischen Auseinandersetzungen um die Zukunft der Lehrerausbildung in Schleswig-Holstein hat die Sektion Neumünster führende Vertreter der Universitäten und der Wirtschaft eingeladen. Damit sollen die Anforderungen an die Qualität der heimischen Schulabgänger beleuchtet werden, die sich aus dem Anspruch internationaler Wettbewerbsfähigkeit ableiten.
Das Podium v.l.: Uli Wachholtz, Prof. Dr. Peter Dominiak, Moderator: Norbert Basler, Prof. Dr. Frank Kempken und Prof. Dr. Werner Reinhart (Foto: Wirtschaftsrat)

Die Grundlage für diese Diskussion liefern Grete Rhenius und Hans-Walter Thee, die die schulpolitischen Entwicklungen darstellen. Rhenius stellt dazu einleitend fest, daß jede neue Landesregierung ein neues Schulgesetz mache. Die CDU habe in der großen Koalition vor acht Jahren mit die Hand dafür gehoben, Haupt- und Realschulen abzuschaffen und sie in Regional- und Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Die Gemeinschaftsschulen wurden von der SPD gefordert und verzichten vollständig auf abschlußbezogene Klassen, während die von der CDU befürwortete Regionalschule ab der 7. Klasse weiterhin zwischen Haupt- und Realschulklassen differenzieren konnte. Zudem wurden die Gymnasien von G9 auf G8 umgestellt und die Sammelfächer „NaWi“ und „Weltkunde“ eingeführt.

Die schwarz-gelbe Koalition mußte diese organisatorisch einschneidenden Reformen erst einmal anfangen zu verdauen, was sie aber nicht davon abhielt, das Gesetz erneut zu ändern, um ab -
schlußbezogene Klassen für die Regionalschulen schon ab der 5. Klasse und Y-Schulen mit G8 und G9-Klassen zu ermöglichen. Kurz nachdem diese Änderungen beschlossen waren, habe die Legislaturperiode zum zweiten Mal in Folge verkürzt geendet, wonach nun eine rotgrüne Koalition dank der Minderheitenpartei der Südschleswiger und einer 4 : 3-Entscheidung des Landesverfassungsgerichts mit einer Stimme Mehrheit im Parlament gravierende Schulreformen einleitet. Dafür wurde ein großer Bildungsdialog angekündigt, dessen Ergebnis bereits feststand:

■ durch Abschaffung der Regionalschulen ein vollständiges Verbot abschlußbezogener Klassen durchsetzen

■ die auf Schüler mit Behinderungen spezialisierten Förderzentren auflösen,

■ Abschaffung der Schulnoten an den Grund- und Gemeinschaftsschulen

■ Abschaffung des „Sitzenbleibens“

■ Einführung von Oberstufen an Gemeinschaftsschulen, wofür es ausreicht, wenn die Grenze von 50 Prozent der angemeldeten Schüler mit einer Gymnasialempfehlung ein einziges Mal
überschritten werde, was in dem einen oder anderen Fall zu merkwürdigen Ausschlägen in der Statistik geführt habe, und schließlich

■ Umstellung der bisher nach Schularten differenzierenden Lehrerausbildung auf ein Stufenlehrersystem, das die in Schleswig-Holstein ausgebildeten Lehrer künftig auf einen Einsatz in Schleswig-Holstein beschränke, weil für eine Anstellung in anderen Bundesländern die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt werden würden. Insgesamt verfolge die Landesregierung
damit das Ziel, die Quantität der Schulabschlüsse auf Kosten der Qualität zu steigern, so Rhenius. Dieser Folgerung der Lehrerverbandsvorsitzenden konnte Thee aus der Sicht des Philologenverbandes nur bekräftigen und durch den Hinweis ergän zen, daß mit dem Wegfall der Schulartempfehlung nun jedem Schüler der Weg auf das Gymnasium offenstehe und die neue Regierung verschärfend keine Querversetzungen vom Gymnasium auf die Gemeinschaftsschulen wünsche. Parallel würden durch die Einführung von Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen Doppelstrukturen zu den allgemeinen und den beruflichen Gymnasien aufgebaut, die bereits im harten Wettbewerb um sinkende Schülerzahlen stünden. Man scheue zwar keinen Wettbewerb, müsse aber befürchten, daß man in Schleswig-Holstein dem Weg von Nordrhein-Westfalen folgen möchte, wo die „1“-Abiturienten trotz der Umstellung auf G8 permanent ansteigen.

Insofern dürfe man sich nichts vormachen: das erstmalige Angebot von länderübergreifenden Abituraufgaben sei kein Zentralabitur, sondern kaum mehr als „Kosmetik“, weil nur eine von mehreren Abituraufgaben bei nur wenigen Fächern und in nur wenigen Bundesländern gemeinsam gestellt worden sei, wobei der Schwierigkeitsgrad im Spektrum der beteiligten Bundesländer eher am unteren Leistungsstandart ausrichtet sein dürfte. „Aber“, so Thee: „es gibt etwas zu verteidigen!“ Noch seien die meisten Gymnasien intakt.

 

Norbert Basler, Gründer und Aufsichtsrat der Basler AG, dankt den beiden Vorrednern für den fundierten Überblick über die schulgesetzlichen Änderungen und bittet das Podium, aus der Sicht unserer Universitäten und Unternehmen die Anforderungen an unsere Schulbildung zu bewerten.

Prof. Dr. Peter Dominiak, Präsident der Lübecker Universität, berichtet von einer starken Inflation guter Noten, was die Universität zwinge, Colleges zwischenzuschalten, um den studierfähigen
Nachwuchs für die anspruchsvollen Studiengänge in Lübeck auszulesen. Die Technische Universität München habe dazu inzwischen eine eigene schulische Oberstufe gegründet. Eine Einheitsschule erschwere die notwendige Auslese der leistungsfähigsten Studenten, während das Handwerk zugleich über mangelnden Nachwuchs klage.

Prof. Dr. Frank Kempken, Vizepräsident der Christan-Albrechts Universität zu Kiel, bestätigt die steigende Leis tungs heterogenität bei den Erstsemestern, die insbesondere bei Mathe und Naturwissenschaften zu hohen Abbrecherquoten führten. Um dieses Scheitern zu vermindern, kämen standardisierte Eignungstest vor der Studienaufnahme in Betracht. Das helfe jedoch nicht, die Angebote für die MINT-Fächer besser auszulasten.

Prof. Dr. Werner Reinhart, der als Präsident der Universität Flensburg zukünftig den Stufenlehrer ausbilden soll, befürwortet die geplante Umstellung und schlägt vor, die Grundschule von vier
auf sechs Jahre auszudehnen. Die Pädagogik sei häufig wichtiger als das Fachliche. Ein Lehrer müsse keinen alten Griechen im Original lesen können. An dieser Stelle entzündete sich jedoch scharfer Widerspruch aus dem Auditorium. Prof. Dr. Karsten Witt warf ein, daß die Kenntnis von Sanskrit und Hebräisch die Persönlichkeitsentwicklung und Innovationen fördere.

 

Und ein junger Lehrer und studierter Theologe aus Brunsbüttel bekräftigte, Latein sei keine alte Sprache, sondern eine Denkschule. Eine fundierte fachwissenschaftliche Bildung sei unverzichtbar für die  ehrfähigkeit. Kempken weist ergänzend darauf hin, daß sich die fachlichen Studienanforderungen für einen Gymnasiallehrer bereits in der Unterstufe deutlich von den Anforderungen der Haupt- und Realschullehrer unterscheiden. /BZ