04. August 2011
Bundesfachkommission Arbeitsmarkt und Alterssicherung
Fachkräftemangel wirksam bekämpfen, Chance auf Vollbeschäftigung nutzen!
WR-Intern vom 04. August 2011
Das von der Bundesregierung am 22. Juni auf dem Gipfel in Meseberg vorgestellte Grundlagenpapier „Konzept Fachkräftesicherung“ kann nur ein vorsichtiger erster Schritt sein, dem weitere folgen müssen. Deutschland braucht einen umfassenden, konkreten Maßnahmenkatalog für mehr Hochqualifizierte in Deutschland, denn kluge Köpfe sind die Grundlage für Innovationen, Wachstum und Wohlstand. Gleichzeitig gilt es, die beste Arbeitsmarktsituation im wiedervereinigten Deutschland zu nutzen, um endlich auch die Langzeitarbeitslosen in Beschäftigung zu bringen.

Fachkräftemangel – Wachstumsbremse Nr. 1
Bereits heute bleiben 150.000 Stellen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich unbesetzt. Doch nicht nur der High-Tech-Bereich leidet unter dem Fachkräftemangel, sondern auch jeder dritte Handwerksbetrieb hat Probleme, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Bis zum Jahr 2030 droht laut Prognos eine Lücke von 5,2 Mio. Fachkräften. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt Alarm: Wenn die Bundesregierung dem erwarteten Rückgang um 6,5 Mio. Erwerbspersonen in den kommenden 15 Jahren nicht entschlossen entgegentritt, wird Deutschland einen dramatischen Wachstumseinbruch erleiden. Statt aktuell über drei würde die Wachstumsrate dann auf durchschnittlich nur noch 1,25 Prozent absacken. Der Fachkräftemangel entwickelt sich zur Wachstumsbremse Nr. 1!

Fachkräftestrategie des Wirtschaftsrates

Als Gegenmaßnahme ist eine Bildungsoffensive unerlässlich, reicht aber nicht. Darüber hinaus müssen wir das Potenzial von Frauen, Älteren und Menschen mit ausländischen Wurzeln besser ausschöpfen. Im Rahmen einer konkreten Gesamtstrategie gegen den Fachkräftemangel fordert der Wirtschaftsrat:

 

1. Berufstätigkeit von Frauen erleichtern!
Wir können es uns nicht länger leisten, dass 5,6 Mio. Frauen unter 60 keinem Beruf nachgehen. Zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Eltern brauchen wir deutlich mehr zusätzliche Kinderbetreuungsplätze als von der Bundesregierung geplant. 1,2 Mio. Mütter würden gerne arbeiten, wenn die Betreuung ihrer Kinder gewährleistet wäre.

2. Aufweichen der Rente mit 67 verhindern!
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist dem Wirtschaftsrat gefolgt und thematisiert nun auch die Rente mit 69. Dass die stärkere Einbindung Älterer möglich ist, haben die vergangenen zehn Jahre eindrucksvoll bewiesen: Die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt.

3. Kapazitäten für die naturwissenschaftlich-technische Ausbildung aufstocken!
Bis zum Abitur müssen künftig mindestens zwei naturwissenschaftlich-technische Fächer obligatorisch sein sowie mehr Lehrer und Erzieher in diesem Bereich eingesetzt werden.

4. Qualifizierte Zuwanderung gezielt steuern!
Notwendig sind die Einführung eines Systems gewichteter Kriterien zur aktiven, bedarfsgerechten Steuerung von Zuwanderung und die Absenkung der Mindesteinkommens-Schwelle für Hochqualifizierte von 66.000 auf 40.000 Euro. Der Vorschlag der Bundesregierung einer Positiv-Liste von Berufen, bei denen ausländische Fachkräfte ohne „Vorrang-Prüfung“ einheimischer Mitbewerber sofort eingestellt werden können, ist ein erster Schritt. Der deutsche Arbeitsmarkt sollte jedoch nicht nur für Ärzte, Maschinenbau-, Fahrzeugbau- und Elektroingenieure entriegelt werden, sondern auch für weitere Berufsgruppen!

Konzept für Vollbeschäftigung
Auch für eine Verbesserung der Beschäftigungschancen von Arbeitslosen führt an der gezielten Anwerbung ausländischer Spezialisten kein Weg vorbei: Mehr als die Hälfte der Hartz IVEmpfänger besitzt keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ausländische Fachkräfte beeinträchtigen nicht, sondern verbessern die Jobchancen dieser schlecht ausgebildeten Bundesbürger. Denn jeder Hochqualifizierte steigert die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und legt damit auch die Grundlage für die Sicherung und Entstehung einfacher Jobs.

Ein Meilenstein, um die noch immer knapp eine Mio. Langzeitarbeitslosen in Beschäftigung zu bringen, ist die von Bundesarbeitsministerin Dr. Ursula von der Leyen auf den Weg gebrachte Reform arbeitsmarktpolitischer Instrumente. Der Wirtschaftsrat begrüßt die Kernpunkte der Reform:

  • Entrümpelung des „Nürnberger Instrumentenkastens“ und Streichung von über einem Dutzend unwirksamer Programme.
  • Erweiterung dezentraler Entscheidungsspielräume.
  • Schaffung von Flexibilität und Individualität für passgenaue Hilfsmaßnahmen.


Weitere Stützpfeiler des Gesamtkonzepts des Wirtschaftsrates für Vollbeschäftigung sind:

 

  • Förderung von lebenslangem Lernen zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit aller Bürger.
  • Ermöglichung marktgerechter Löhne statt Zerstörung von Arbeitsplätzen durch staatliche Lohnfestsetzungen.
  • Stärkung der Anreize zur Vollzeitbeschäftigung durch die Verbesserung der Hinzuverdienstmöglichkeiten von Transferempfängern.
  • Verringerung der Lohnzusatzkosten als Strafsteuer auf Arbeit durch Absenkung des Rentenbeitrags auf 19,0 Prozent.


Mit dem für 2012 prognostizierten Rückgang der Arbeitslosigkeit auf 2,7 Mio. rückt erstmals seit 40 Jahren das Ziel der Vollbeschäftigung in Reichweite. Der Wirtschaftsrat fordert die Politik auf, diese historische Chance zu nutzen.